Für die Spitzen der SPD war die Nacht kurz. Schon am frühen Montagmorgen betreten Parteichef Sigmar Gabriel und Ex-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück wieder jene Bühne im Willy-Brandt-Haus, auf der sie am Abend zuvor die Wahlniederlage ihrer Partei eingestehen mussten. Diesmal jedoch assistiert vom Spitzenkandidaten bei der hessischen Landtagswahl, Torsten Schäfer-Gümbel. In Wiesbaden konnte die SPD zwar deutlich stärker in der Wählergunst zulegen als im Bund. Doch in beiden Fällen hat es nicht zum rot-grünen Wunschbündnis gereicht.

Kommt nun die Große Koalition in Berlin? Darüber erhoffen sich die wartenden Journalisten wenigstens etwas Aufschluss. Aber sie werden enttäuscht. Zu tief sitzt offenbar die Niederlage, um schon über strategische Szenarien zu referieren. Stattdessen nutzt Gabriel die Inszenierung, um Steinbrück noch einmal für seinen Wahlkampf zu loben ("Große Klasse") und mit einem breit interpretierbaren Satz zu bedenken: "Vielen Dank, dass Du an Bord bleibst und mit uns gemeinsam die SPD weiter stärken und führen willst."

Bereits am Wahlabend hatte Steinbrück seine Bereitschaft betont, "auch in Zukunft" für seine Partei Verantwortung zu übernehmen. Da er einen Ministerposten in einer möglichen Großen Koalition weiter ausschließt, keimten Spekulationen, Steinbrück liebäugle womöglich mit dem Fraktionsvorsitz, den Amtsinhaber Frank-Walter Steinmeier erneut für sich anstrebt. Die Wahl findet voraussichtlich schon heute statt.

Zumindest dieses Rätselraten beendet Gabriel aber am Montagnachmittag: "Selbstverständlich" unterstütze er Steinmeiers Wiederwahl, so der Parteichef im Anschluss an die Vorstandssitzung. Rund zweieinhalb Stunden sitzt das Führungsgremium hinter verschlossenen Türen zusammen, um über den schlechten Wahlausgang zu beraten. Teilnehmern zufolge kommen Personalfragen nicht zur Sprache. Dabei trägt auch Gabriel Verantwortung für das enttäuschende Ergebnis. Wie es nun weiter gehen soll, ist erst recht unklar.

Schon am Sonntagabend war im Willy-Brandt-Haus deutlich geworden, dass die meisten Genossen eine Neuauflage der Großen Koalition fürchten wie der Teufel das Weihwasser. Als sich die Union zwischenzeitlich der absoluten Mehrheit zu nähern schien, gab es Beifall. Immer noch besser so, als Angela Merkel erneut zur Macht zu verhelfen, lautete die Devise.

Das 23-Prozent-Desaster aus dem Jahr 2009 wirkt nach. Dabei waren Union und SPD vordem fast gleich stark gewesen. Diesmal, das schwant jetzt vielen Genossen, wäre es keine Koalition auf Augenhöhe. Die Union verfügt im neuen Bundestag über 311 Sitze, die SPD nur über 192. Gegenüber 2009 habe man zwar leicht hinzugewonnen, aber eigentlich sei es "schlimmer als vor der Wahl", klagt der Ex-Ministerpräsident von Brandenburg, Matthias Platzeck, als er im Willy-Brandt-Haus eintrifft. Deshalb "lieber dreimal, als einmal darüber schlafen".

Noch deutlicher klingt die Abneigung gegenüber Schwarz-Rot bei den Wortführern des linken Parteiflügels: "Wir machen keinen Steigbügelhalter für schlechte Politik", schimpft der Berliner SPD-Chef Jan Stöß. So bleibt alles im Ungefähren. "Es ist nichts entschieden, es gibt keinen Automatismus in Richtung Große Koalition", sagt Gabriel. Und Steinbrück: "Die SPD drängt sich nicht auf."

Beide vertrösten die Journalisten auf den Parteikonvent am Freitag, der möglicherweise erste Festlegungen für Sondierungsgespräche mit der Union trifft. Und wenn es am Ende Schwarz-Rot gibt und Steinmeier einen Ministerposten bekäme - würde Steinbrück dann doch zum Fraktionschef gekürt? "Die Frage steht nicht an", so Steinbrück vielsagend.