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Der späte Triumph über den "Roten Terror"

Ein Gang durch die Ausstellung: Günter Winands, Vertreter des Kulturstaatsministers, Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke sowie Sylvia Wähling und Dieter Dombrowski vom Verein "Menschenrechtszentrum Cottbus" (v.l.).
Ein Gang durch die Ausstellung: Günter Winands, Vertreter des Kulturstaatsministers, Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke sowie Sylvia Wähling und Dieter Dombrowski vom Verein "Menschenrechtszentrum Cottbus" (v.l.). FOTO: Michael Helbig/mih1
Cottbus. Politische Gefangene der DDR kaufen in Cottbus das Gefängnis, in dem sie einst schikaniert wurden. Sie machen daraus eine Gedenkstätte. Gestern eröffnete dort eine spannende Ausstellung. Johannes M. Fischer

Die Halle ist nicht nur schmucklos. Sie ist hässlich. Hässlich, aber authentisch. Dem Anlass angemessen. Häftlinge der DDR - die meisten davon politische Gefangene - produzierten hier einst Ersatzteile für den Kamera-Hersteller Pentacon.

Aber heute ist hier Feierstunde. "So sehr freue ich mich, dass ich tanzen könnte." Der das sagt, saß einst ein. Landesverrat, versuchte Republikflucht. Heute ist Matthias Storck Pfarrer und steht am Rednerpult. 300 Gäste hören ihm zu. Anlass ist die offizielle Eröffnung der Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus und der Dauerausstellung "Karierte Wolken - politische Haft im Zuchthaus Cottbus 1933-1989".

Storck erinnert sich, wie ein Wärter - "Roter Terror" hatten die Häftlinge den brutalen Mann genannt - ihn einmal auf dem Hof niedergeknüppelt hatte und er Staub fraß. Das ist vorbei. Heute lächelt er. Und wundert sich. "Das erste Haus, wo ich was mitbesitze, ist mein ehemaliger Knast."

Tatsächlich gehört die Backstein- und Gitter-Immobilie einem Häftlingsverein, der sich 2007 gegründet und vier Jahre später die Haftanstalt gekauft hatte. Mit öffentlichen Geldern wurde sie hergerichtet, so dass aus der Unrechts- eine Gedenkstätte wurde, die eine bemerkenswerte Ausstellung beherbergt.

28 Biografien erzählen deutsche Geschichte. Menschen, die gegen das Nazi-Regime opponierten, waren hier inhaftiert, auch Mitglieder der Widerstandsgruppe Weiße Rose. Dann kam die DDR. Wer weg wollte, galt als Verräter am Arbeiter- und Bauernstaat. Wer es dennoch versuchte und dabei erwischt wurde, landete in einem Zuchthaus wie dem in Cottbus. Pfarrer Storck landete hier.

Auch ihm ist eine der 28 Biografien gewidmet. Zu jeder Biografie gehören Gegenstände aus dem Alltag. Bei Storck steht eine Büste. Ein Kopf, auf der ein kleines Teelicht angebracht wurde. Ein ehemaliger Studienkollege namens Christoph Lange modellierte sie 1979 "aus Solidarität", nachdem er gehört hatte, dass der Kommilitone ins Gefängnis geworfen wurde. Die Büste stand in seinem Zimmer, Tag für Tag zündete er die Kerze an in der vagen Hoffnung, Storck auf diese Weise helfen zu können. Jahrzehnte vergingen. Beide verloren sich aus den Augen. Bis sie sich wieder begegneten - gestern, zur Eröffnung der Gedenkstätte.

Zu der viele kamen, weil viele das Projekt unterstützten. Der Bund, das Land Brandenburg und die Stadt Cottbus förderten es mit insgesamt 2,7 Millionen Euro. Geld, das das "kollektive Gedächtnis" davor bewahrt, schwach zu werden. Es ist der brandenburgische Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD), der diesen Begriff benutzt, um den Sinn einer solchen Gedenkstätte anschaulich zu machen. Auch er hält eine Rede in jener kalten Halle und bedankt sich eindringlich bei den ehemaligen Häftlingen und vielen engagierten Bürgern, die helfen, "schmerzvolle Erinnerungen wachzuhalten".

Schmerz und Lust, weinen und tanzen. Es liegt nah beieinander. "Ich bin heute mit einem Grinsen auf dem Gesicht nach Cottbus gefahren, zurückgekehrt an den Ort, an dem auch ich zu DDR-Zeiten inhaftiert war." Roland Jahn, der sich seinerzeit gegen die SED-Diktatur gewehrt hatte, ist heute Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen. "Ja", sagt er leise, "das ist schon so etwas wie ein kleiner Triumph."

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von Roland Jahn in voller Länge

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