"Die Pfeifen treten massenhaft auf und man kann an der Gestalt und den Verzierungen sehr viel über sie erfahren", erklärt er seine Leidenschaft für die tönernen Rauchutensilien.

Heute ein „El Dorado“
Die Stellen, an denen die Menschen früher ihren Müll entsorgten, sind heute ein "El Dorado" für Kluttig-Altmann. "Bei alten Latrinen, auf den Feldern vor der Stadt oder im eigenen Garten findet man sie", erklärt er. Ein Großteil der Leipziger Funde kam bei Stadtgrabungen ans Tageslicht. Rund 480 solcher Tonpfeifen-Fragmente hat Kluttig-Altmann inzwischen ausgewertet. Das sind etwa zwei Drittel der Gesamtfundmenge.
Seit der gebürtige Dresdner während seiner Magisterarbeit 1997 an der Leipziger Universität zum ersten Mal näher mit Tonpfeifen in Berührung kam, haben sie ihn nicht mehr losgelassen. Mit unermüdlicher Geduld setzt er die Bruchstücke wie Puzzle zusammen, zeichnet ihre Eigenheiten auf und versucht sie zeitlich und lokal zu bestimmen. Dabei gibt es eine einfache Regel: Je größer der Pfeifenkopf, desto älter die Pfeife. Zudem kann man an der Länge des Stiels sehen, ob der Besitzer wohlhabend war oder nicht. Winzige Verzierungen und Muster geben Ralf Kluttig-Altmann wichtige Hinweise auf die Herkunft der Pfeifen. Oft helfen auch Ortsmarken und Buchstaben an der Pfeifenferse oder am Stiel, das Rätsel zu lösen.
Aus den Leipziger Funden rekonstruiert der dreifache Familienvater so nach und nach die Geschichte des Rauchens in Sachsen. "Das Fundspektrum in Leipzig ist sehr reichhaltig, zeigt aber auch, dass man hier auf Importe angewiesen war", erklärt der Forscher.

Stötteritz war wichtigster Ort
Zwar schrieb schon 1599 Ludolf von Münchhausen, er habe in Leipzig "ein Indianisch Instrument" erstanden, wodurch "man den rauch ins Maull" zieht, doch eine eigene Pfeifenfabrik ist in der Messestadt zu dieser Zeit nicht sicher nachweisbar.
"Es gibt allerdings Hinweise, dass es Mitte des 17. Jahrhunderts einen Töpfermeister und Tabakspfeifenmacher in Leipzig gegeben haben muss", resümiert der Forscher seine Recherchen.
Die Gegend rund um die Messestadt war damals eher wegen des Tabakanbaus interessant: "Stötteritz, das heute zu Leipzig gehört, war Anfang des 19. Jahrhunderts der wichtigste Ort für den Tabakanbau im Königreich Sachsen", sagt Kluttig-Altmann. Allein im Jahre 1749 verdienten rund 200 Arbeiter in den acht ansässigen Tabakfabriken ihr täglich Brot. Auch in den benachbarten Orten Thonberg, Probstheida, Mölkau und Zweinaundorf sei die exotische Pflanze angebaut worden.
Geraucht wurde der heimische Tabak vor allem aus importierten Produkten oder mit Pfeifen, die aus Grimma, Altenburg, Waldenburg, Borna oder Leisnig stammten.
Nicht immer kann sich der Archäologe dabei an die Herkunftsangaben auf den Pfeifen halten: "Vor allem im 18. Jahrhundert blühte die Produktpiraterie", sagt Kluttig-Altmann lächelnd. Denn die Pfeifenbäcker der Region versuchten ihren Absatz zu steigern, indem sie ihre Ware als holländische Qualitätsprodukte ausgaben. "Das merkt man dann zum Beispiel an der Schreibweise von Gouda", erklärt Kluttig-Altmann. Mit "au" hätte ein Niederländer die Stadt nie geschrieben.

Rätsel gibt es noch genug
Pfeifen-Rätsel gibt es für Ralf Kluttig-Altmann, der mit seinem Kollegen Martin Kügler in Görlitz die einzige deutsche Fachzeitschrift "Knasterkopf" herausgibt, noch genug.
Zurzeit schreibt er an seiner Doktor-Arbeit im Bereich Archäologie, kann sich aber durchaus vorstellen, anschließend die Pfeifen vom Hobby zum Arbeitsschwerpunkt zu machen. Allerdings keineswegs als Raucher, sondern nur als Forscher.