Die einen, wie Jordaniens Außenminister Marwan el Muascher, sehen eine Marionetten-Regierung von US-Gnaden in Bagdad als "Rezept für ein Desaster". Für andere wäre ein schiitisches Mullah-System wie im Iran ebenso ein Albtraum wie die statische Übertragung westlicher Demokratiemuster. Und wieder andere plädieren für das "libanesische Modell" oder eine Art "orientalische Demokratie", um das "Patchwork-Land" Irak mit seinen verschiedenen Ethnien und Religionsgemeinschaften zusammenzuhalten.
Bei den gerade erfolgten Stadtratswahlen in Mosul, der drittgrößten irakischen Stadt, durften alle Gemeinschaften wie Araber, Kurden, Christen und Turkmenen ihre Vertreter wählen. Bürgermeister wurde ein Ex-General. Protest regte sich vor allem bei konservativ-religiösen Kräften, die bei dem Verfahren leer ausgingen.

Probleme auf nationaler Ebene
"Das ist eine gute Erfahrung und zeigt den Willen der lokalen Führer, dass sie sich auf demokratische Art und Weise selbst regieren wollen", sagt der Politologe Dia Raschwan vom Kairoer Al-Ahram-Zentrum für strategische und politische Forschungen. "Aber es gibt viele Unterschiede zwischen lokaler und nationaler Ebene." Auch mit Blick auf Nachbarländer wie Syrien oder Saudi-Arabien sei es sehr gefährlich, wenn im Irak bei Wahlen nach Ethnien oder Religionsgemeinschaften unterschieden werde.
Für die US-Regierung sieht Raschwan als größte Gefahr, dass "eine Art von islamischem Staat entsteht". In den Wochen seit dem Sturz Saddams hat sich die schiitische Bevölkerungsmehrheit im Irak nach 25 Jahren Unterdrückung lautstark artikuliert. "Wie kann sich jemand vorstellen, dass die Mehrheit nicht regieren will?", fragt Raschwan.
Im Irak vor und mit Saddam Hussein hatte Demokratie westlicher Prägung keine Tradition und kann nicht einfach als Blaupause übernommen werden. "Die USA brauchen dringend den Rat ihrer Freunde und der Länder der Region", sagt Außenminister Muascher.
Was in den meisten arabischen Ländern bis heute unterschiedlich stark zählt, sind die Loyalität des Einzelnen gegenüber seinem Stamm oder Clan, ein starker Führer sowie der Einfluss islamischer Religionsgelehrter. Der geschäftsführende Herausgeber der libanesischen Tageszeitung "Daily Star", Rami Chouri, spricht von einer "orientalischen Demokratie". "Man hat ein demokratisches System als Grundlage, aber die Entscheidungen werden entsprechend alter orientalischer Regeln im Machtgefüge in der Gesellschaft getroffen, das auf der Ethnie, der Religion, der Kontrolle des Geldes und der Armee beruht."

Die Macht der Stämme
Auch während der Herrschaft Saddam Husseins spielten Stammesführer immer eine Rolle. Saddams Machtsystem basierte unter anderem auf seinem Al-Bu-Nasir-Stamm, der um Tikrit lebt. Andere sunnitische Stämme wurden für "Aufgaben der nationalen Sicherheit" einbezogen. Saddam direkt unterstellt war an der Spitze der Machtpyramide auch ein "Büro der Stammesführer". Nach dem Ende der Saddam-Herrschaft haben in einigen Städten und Gegenden Stammesscheichs das Kommando übernommen und das Machtvakuum ausgefüllt. Auch in der Nach-kriegszeit wird niemand an ihnen vorbei regieren können.
Für einen "Patchwork-Staat" mit seinen verschiedenen religiösen und ethnischen Gemeinschaften ist aus Sicht eines Kommentators des arabischen Fernsehsenders El Dschasira das "libanesische Modell" die beste Lösung. Im Libanon gibt es nach langem Bürgerkrieg eine Machtteilung zwischen einem christlichen Präsidenten, einem sunnitischen Ministerpräsidenten sowie einem schiitischen Parlamentspräsidenten. So könnten die Wiederkehr eines Diktators oder eine "Balkanisierung" verhindert werden, heißt es.