Zu Beginn der Sitzung wies Chefanklägerin Carla Del Ponte auf massive Drohungen gegen von ihr benannte Zeugen hin. In keinem anderen Verfahren seien aussagewillige Zeugen Bedrohungen und Einschüchterungen dermaßen ausgesetzt wie in diesem Prozess. Noch am Wochenende sei ein Zeuge unter Druck gesetzt worden. Der Schutz der Zeugen werde entscheidend für das Verfahren sein. "Wenn ich vor Gericht keine Zeugen habe, muss ich die Anklage zurückzuziehen", warnte Del Ponte. Einer der Anwälte, Gregor Guy-Smith, protestierte gegen die "vorverurteilenden" Bemerkungen der Anklägerin und wies die Anklagepunkte gegen Haradinaj zurück.

Einst in Belgrads Armee
Der heute 38-Jährige ist für viele Kosovo-Albaner ein Kriegsheld. Er begann seine Karriere im Militär, doch schon bald wandte er sich der Politik zu. Seinen Militärdienst leistete er in den 80er-Jahren in der jugoslawischen Armee. 1989 beteiligte er sich dann an Demonstrationen von Kosovo-Albanern gegen die Regierung in Belgrad und emigrierte in die Schweiz. Dort arbeitete Haradinaj als Tischler, Türsteher und Kampfsport-Trainer, ging schließlich zur Fremdenlegion. 1990 trat er in die Volksbewegung des Kosovo ein, die im Exil den Krieg gegen die jugoslawische Armee vorbereitete.
1997 kehrte Haradinaj ins Kosovo zurück und gründete zusammen mit seinen beiden Brüdern Daut und Shkelzen eine Gruppe, die Angriffe auf die serbische Polizei verübte. Damit begann in den Augen Belgrads die "terroristische" Karriere Haradinajs. Kurz darauf gründete er innerhalb der inzwischen entwaffneten Kosovo-Befreiungsarmee UCK die berüchtigte Spezialeinheit Schwarze Adler. Dieser wirft die Regierung in Belgrad vor, Dutzende serbische Polizisten gefoltert und ermordet zu haben, deren Leichen in einem See in der Region Decane gefunden worden. Bei den Kämpfen zwischen UCK und serbischer Armee kommandierte Haradinaj die Kosovo-Befreiungsarmee im Westen des Kosovo an der Grenze zu Albanien, von wo aus die UCK mit Waffen versorgt wurde. Die Anklageschrift des Tribunals in Den Haag wirft ihm vor, er habe zusammen mit seinem Onkel Lahi Brahimaj und dem Ex-Chef der Schwarzen Adler, Idriz Balaj, versucht, die "totale Kontro lle der UCK" in sechs Dörfern im West-Kosovo zu konsolidieren.

Systematische Kampagne
Neben Angriffen auf Serben hätten sie "die gewaltsame Unterdrückung jeder wirklichen oder unterstellten Kollaboration von Albanern oder Roma mit den Serben" zu verantworten. In einer "systematischen Kampagne" hätten sie dabei Menschen ermordet, vergewaltigt und seien anderweitig gewaltsam gegen sie vorgegangen.
Dies hinderte Haradinaj zunächst allerdings nicht daran, nach dem Ende des Kosovo-Krieges in die Politik einzusteigen. Im Mai 2000 gründete er die Allianz für die Zukunft des Kosovo (AAK), eine Koalition von Parteien, die größtenteils aus der UCK hervorgingen. Für die internationale Gemeinschaft war Haradinaj zunächst ein gern gesehener Ansprechpartner, insbesondere im US-Außenministerium war er zu Gast. Die Mission der Vereinten Nationen im Kosovo (Unmik), die die serbische Provinz seit 1999 verwaltet, erhob zunächst auch keine Einsprüche, als Haradinaj sich für das Amt des Regierungschefs bewarb. Protest kam allerdings aus Brüssel: EU-Außenbeauftragte Javier Solana hielt den Ex-Rebellen nicht für "die geeignetste Wahl".
Die Regierung in Belgrad warf ihm zudem vor, hinter Waffen-, Zigaretten-, Benzin- und Fahrzeugschmuggel in der Region zu stehen. Diese Vorwürfe hielten das Parlament des Kosovo allerdings nicht ab, Haradinaj im Dezember 2004 zum Regierungschef zu wählen. Lange hatte er das Amt allerdings nicht inne: Als das Kriegsverbrechertribunal in Den Haag ihn im März 2005 offiziell anklagte, trat er zurück. Drei Monate saß er daraufhin in Untersuchungshaft, danach ließ das Gericht den ehemaligen Regierungschef unter Auflagen wieder frei. Dies war allerdings mit mehreren Bedingungen verknüpft; vor allem durfte der damals 35-Jährige nicht in die Politik zurückkehren. (AFP/ab)