Otto Lilienthal, der erste Flieger, der Erfinder des Menschenfluges. So feiert seine Heimatstadt Anklam bis heute den Ingenieur, der als Erdenbürger dorthin aufstieg, wo bis dahin nur Vögel etwas zu suchen hatten: in die Lüfte. So steht's bis heute in ungezählten Lehrbüchern und auf vielen Denkmalen - doch inzwischen steht fest: Otto Lilienthal, der 1896 beim Absturz am Gollenberg im brandenburgischen Stölln tödliche Verletzungen erlitt, war nicht der erste Flieger. "Wir gehen heute davon aus, dass andere vor ihm geflogen sind", räumt Bernd Lukasch, der Leiter des Anklamer Lilienthal-Museums, ein.

Zu diesen anderen gehört mit hoher Wahrscheinlichkeit Albrecht Ludwig Berblinger. Ein Mann, dessen Name nur wenigen bekannt ist - der als "Schneider von Ulm" aber für Generationen nichts anderes war als eine Witzfigur. Denn am 31. Mai 1811 - heute vor genau 200 Jahren - wagte er den ersten öffentlichen Flugversuch: Vor den Augen des württembergischen Herzogs Heinrich und mehrerer Tausend Schaulustiger versuchte er die Donau zu überqueren. "Startplatz" war ein Holzgestell auf der Adlerbastei, einer hohen Befestigungsmauer am linken Ufer. Das sollte reichen, um im Gleitflug das keine 100 Meter entfernte rechte Ufer zu erreichen. Doch: Der fliegende Schneider stürzte auf halbem Weg ab.

"D'r Schneider von Ulm hot's Fliega probiert, no hot'n d'r Deifl en'd Dona nei g'führt." Jenen Spottvers lernen die Kinder in Ulm, um Ulm und um Ulm herum noch heute im Kindergarten - zu Deutsch: Der Schneider von Ulm hat das Fliegen probiert, da hat in der Teufel in die Donau geführt.

Warten auf günstigen Wind

Mit dem Teufel aber hatte der Absturz rein gar nichts zu tun. Es waren wohl die fehlende Thermik über dem Fluss und dazu noch ungünstige Winde, die Albrecht Ludwig Berblinger heute vor 200 Jahren haben scheitern lassen. Bereits tags zuvor hätte er nach dem Willen der Stadtväter dem zum Antrittsbesuch in Ulm weilenden Württemberger-König Friedrich I. seine Flugkünste vorführen sollen; doch diesen Start verschob der Schneider. Zeitgenossen schildern, dass er auch am 31. Mai nicht starten wollte. Minutenlang habe er mit seinem Gleiter auf dem Holzgerüst getänzelt - immer den Wind prüfend. Doch die Ulmer waren ungeduldig: Der König war schon abgereist; und so wollte man wenigstens seinem Bruder, dem Herzog, den ersten fliegenden Menschen präsentieren. Ein Gendarm soll Berblinger schließlich den entscheidenden Stoß zum Donauflug versetzt haben.

Das Leben ist ungerecht - und die Erinnerung ebenfalls. Zumindest bis heute: Denn obwohl 1986 mit einem originalgetreuen Nachbau von Berblingers Flugapparat die Donau-Überquerung glückte "und wir heute wissen, dass er funktionierende Gleiter gebaut hat", wie Museumschef Lukasch betont, haftet dem Schneider bis heute ein Verlierer-Image an.

"Er war ein Visionär"

In Berblingers Heimatstadt jedoch weiß man seit Langem um die Verdienste des unglücklichen Pioniers: "Er war ein Visionär", betont Rita Hebenstreit vom Ulmer Kulturamt. "Unser Ansinnen ist es, 200 Jahre nach seinem gescheiterten Flugversuch sein Image als Looser zu korrigieren." Dementsprechend hat die Stadtverwaltung für 2011 das "Berblinger-Jahr" ausgerufen; im April vergab die Stadt den mit immerhin 100 000 Euro dotierten Berblinger-Preis an die Konstrukteure von insgesamt drei innovativen Segel-, Motorsegel- und Ultraleichtflugzeugen. Seit Anfang Mai und noch bis Mitte November ist zudem im Ulmer Stadthaus die Ausstellung "Abheben - die Vision" zu sehen. "Die kommt richtig klasse an", freut sich Rita Hebenstreit. Von den physikalischen Grundlagen des Fliegens über die Technik der Gegenwart bis hin zu Technologien der Zukunft können sich die Besucher einen Überblick verschaffen.

Prothesen für Kriegsversehrte

Doch auch diese Schau wird dem Schaffen Albrecht Ludwig Berblingers nur teilweise gerecht: Der Schneider von Ulm, der eigentlich Uhrmacher werden wollte, hat sich mitnichten nur mit Nadel und Faden sowie der Konstruktion von Gleitflugzeugen befasst. Genauso wie der ungleich berühmtere Otto Lilienthal war auch Berblinger "ein Tüftler von Rang", wie der Anklamer Museumsleiter Lukasch anerkennt. Als Regimentsschneider war Berblinger das Leid von Amputierten nicht unbekannt - und er ersann eine "künstliche Fußmaschine", mit deren Hilfe Versehrte wieder auf zwei Beinen stehen und dank mehrerer Scharniere in der Konstruktion wohl auch halbwegs wieder laufen konnten. Doch auch hier war dem Schneider von Ulm kein Erfolg beschieden: Sein Gesuch an den König, mit seiner Erfindung öffentlich werben zu dürfen, wurde von Seiner Majestät abgelehnt.

Nur in einer einzigen Hinsicht war Albrecht Ludwig Berblinger "glücklicher" als Otto Lilienthal: Er überlebte seinen letzten Flug: Unter dem Gespött der Zuschauer wurde er nach seinem Absturz aus der Donau gezogen. Allerdings war er fortan ein geächteter und gebrochener Mann, der im Januar 1829 im Alter von 58 Jahren im Hospital an "Auszehrung" starb; in einem heute unbekannten Armengrab fand er seine letzte Ruhe.

Eine erste literarische Würdigung fand Berblinger übrigens 1906: Der schwäbische Ingenieur und Schriftsteller Max Eyth widmete ihm ein Buch mit dem Titel "Der Schneider von Ulm. Geschichte eines 200 Jahre zu früh Geborenen". Auch Bertolt Brecht widmete sich der Person Berglingers - allerdings siedelte er "seinen" Schneider von Ulm im späten 16. Jahrhundert an und ließ ihn - historisch falsch - "zerschellet auf dem harten, harten Kirchenplatz" aufschlagen und die Kirche frohlocken: "Der Mensch ist kein Vogel, es wird nie ein Mensch fliegen."