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Der schleichende Tod der Wismut-Kumpel

Auch gut 15 Jahre nach dem Ende des Wismut-Uranabbaus kämpfen noch immer viele Kumpel mit den schweren Gesundheitsfolgen. Oftmals lautet die Diagnose: Lungenkrebs. So werden nach Angaben der Bergbau-Berufsgenossenschaft weiterhin jedes Jahr 150 bis 200 Fälle von Lungenkrebs in Folge der Strahlung als Berufskrankheit anerkannt. Jüngste Untersuchungen belegen zudem, dass die Krebsgefahr langsamer abnimmt als angenommen. Und einige Fragen sind nach wie vor ungeklärt: Haben auch die Nachkommen der Bergleute ein erhöhtes Krebsrisiko„ Verursacht das Edelgas Radon auch andere Krebsarten wie etwa Leukämie“ Von Andreas Hummel

"Die bisherige Annahme war, dass das Lungenkrebsrisiko alle zehn Jahre etwa halbiert wird", erklärt Bernd Grosche vom Bundesamt für Strahlenschutz. "Das ist nach unseren Ergebnissen eindeutig nicht der Fall." Am höchsten sei das Krebsrisiko 15 bis 24 Jahre nach der Strahlenbelastung, so das Resultat seiner Langzeitstudie an 59 000 Wismut-Arbeitern. "Je jünger das Alter, in dem man der Strahlung aus- gesetzt war, desto höher ist das Risiko."

Damals Schneeberger Krankheit genannt
Schon Jahrhunderte bevor die Wismut in Sachsen und Thüringen das Uran für die sowjetischen Atomwaffen abbaute, war Lungenkrebs eine gefürchtete Krankheit bei den Bergleuten. So wurde im 15. und 16. Jahrhundert die Schneeberger Krankheit beschrieben, an der viele Bergarbeiter der Silberminen im Erzgebirge starben. Besonders in den Anfangsjahren der Wismut waren die Arbeiter hohen Strahlenbelastungen ausgesetzt. Grund war das radioaktive Edelgas Radon in den Schächten.
Seit dem Ende des Uranabbaus im Dezember 1990 wurden 9000 Anträge wegen Lungenerkrankungen bei der Bergbau-Berufsgenossenschaft gestellt. Etwa ein Drittel davon wurde als Berufskrankheit anerkannt. Bei 95 Prozent handle es sich um Lungenkrebs, sagt Matthias Zschockelt von der Berufsgenossenschaft in Gera. "Wir haben noch immer etwa 400 Neuanzeigen pro Jahr, von denen 150 bis 200 anerkannt werden. Der Trend ist rückläufig." Es gebe viele Fälle, bei denen die Krankheit erst 30 bis 40 Jahre nach der Strahlenbelastung auftrete. Knapp 27 Millionen Euro koste die medizinische Betreuung jedes Jahr.

Nicht als Berufskrankheit anerkannt
Doch einige Krebskranke fallen durchs Raster. Michael Löffler stieg als Lehrling 1974 bei der Wismut ein, arbeitete als Hauer auf dem Schacht Reust bis Herbst 1976. Als 35-Jähriger erkrankte er an Krebs in der Mundhöhle, drei Jahre später an Kehlkopfkrebs. Mit seiner Klage auf Anerkennung scheiterte er vor Gericht. Heute kämpft er als Vorsitzender des Vereins Atomopfer um eine vereinfachte Anerkennung bei der Berufsgenossenschaft. "Wer bei der Wismut gearbeitet hat, hoher Strahlung ausgesetzt war und an Krebs leidet, soll Unterstützung erhalten", fordert er bislang ohne Erfolg.
In den ehemaligen Wismut-Gemeinden in Ostthüringen lag das Krebsrisiko bei Männern in den Jahren 1996 bis 2005 um 16 Prozent höher als im Landesschnitt, so die Analyse von Roland Stabenow vom Krebsregister der ostdeutschen Bundesländer. "Das erhöhte Krebsrisiko bei Männern ist aber nur in Ronneburg signifikant und lag bei 73 Prozent", räumt er ein. Im sächsischen Landkreis Aue-Schwarzenberg sei dagegen ein ständig erhöhtes Lungenkrebsrisiko zu beobachten. Bei Männern ist es etwa in Schlema doppelt so hoch, in Schneeberg 80 Prozent über dem Landesschnitt. Auch bei Frauen zeigt sich in diesen Städten ein erhöhtes Risiko, allerdings sei die Fallzahl statistisch zu gering und so das Ergebnis nicht signifikant. Ein Grund könnte der noch immer hohe Anteil von Wismut-Arbeitern in diesen Orten sein. "Für die Allgemeinbevölkerung kann man wohl die Zahlen der Frauen heranziehen und da sehe ich vor allem in Thüringen keinerlei Auffälligkeiten." Ein weiterer Grund könnte die Radonbelastung in Wohnungen sein.

Neue Ergebnisse nicht vor 2012
Indes rücken neue Fragen ins Blickfeld der Forscher. Grosche will mit seiner Studie herausfinden, ob die Strahlenbelastung Schäden bei Nachkommen der Kumpel hervorruft. Dazu hat er eine neue Untersuchungsgruppe gebildet. "Ein Ergebnis ist nicht vor 2012 zu erwarten", sagt er. "Die Gruppe ist einfach noch zu jung." Das gleiche gelte für die Frage, ob Radon an der Entstehung anderer Krebsarten wie Leukämie oder Krebs im Nasen-Rachen-Raum beteiligt ist. Die Ergebnisse könnten Betroffenen wie Löffler bei der Anerkennung als Berufskrankheit helfen. Und auch wenn derzeit kein Uran abgebaut wird, so könnten die Bergleute in anderen Ländern von den Erkenntnissen profitieren, sagt Grosche. "Die Studie soll helfen, die Risikoabschätzung zu verbessern."