Vitali Klitschko hat mit Sicherheit so etwas wie einen inneren Kompass. Er weiß intuitiv, wo er im Ring steht. Klitschko, der Boxer, ist auch Chef der ukrainischen Schwesterpartei der CDU. Deswegen sitzt er beim Parteitag der Union in Leipzig als Gast in der ersten Reihe. Und da seit der Begrüßungsrede von Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich die 1001 Delegierten dahin- dämmern, entscheidet man sich kurzerhand im Tagungspräsidium, den beliebten Klitschko ausdrücklich zu begrüßen. Da kommt Stimmung auf in der Messehalle. Klitschko als Wachmacher.

Präsidial und ohne Schärfe

Es ist ja auch ein Parteitag fast zum Einschlafen. Wenige Konflikte, wenig Emotionen, nur bei Europa fliegen ein paar Fetzen. Die europäischen Zeiten sind schließlich hart, die Eurokrise sitzt der Kanzlerin im Nacken, dazu noch die ewige Debatte um das Profil der Union und die vielen Kehrtwenden der Vorsitzenden von Atomkraft bis hin zum Mindestlohn.

Angela Merkel kennt das Gemurre, deshalb wählt sie eine besondere Rede-Variante: die präsidial-ruhige. Sie macht keine Witzchen, fährt keine scharfen Angriffe auf die Opposition; in der Eigendarstellung ist sie noch zurückhaltender als sonst. Auf eine Zeit der vielen Ungewissheiten versucht Merkel mit Orientierung zu reagieren. Das wirkt angemessen.

Das Wort Kompass nutzt sie mehr als ein Dutzend Mal, um die Grundwerte der Union zu beschreiben. Um jenen zu widersprechen, die ihr vorwerfen, dass sie eben nicht genau weiß, wo sie steht im Ring. Denen die Union nicht mehr konservativ genug ist und zu wendig. Solidarität, Freiheit, Gerechtigkeit, das leite und führe die CDU im Kampf gegen „ein Denken, das keinen Morgen kennt“. Es sind starke Worte.

Fast schon philosophisch wird die Vorsitzende mit Blick auf die europäische Entwicklung. „Gerade weil die Zeiten so schwierig sind, ist es wichtig, dass wir zusammenstehen“, fordert sie Rückhalt von den Delegierten. „Wir verzagen nicht, wir jammern nicht, wir nörgeln nicht.“

Merkel setzt nicht auf den schnellen Applaus, sondern darauf, dass die Delegierten verstehen, warum sie handelt, wie sie handelt. Das fällt einigen in Leipzig schwer, den meisten aber nicht. Auch wenn bei der Europadebatte durchaus kontrovers und leidenschaftlich diskutiert wird.

Merkels Kurs ist zu keiner Zeit nicht in Gefahr. Acht Jahre ist der letzte Parteitag in der Heldenstadt her, als Merkel die Union in die neoliberale Ecke setzte und Norbert Blüm die Tränen kaum zurückhalten konnte. Merkels Kopfprämie und Friedrich Merz' Bierdeckel-Steuerreform sind Geschichte. Leipzig II ist jetzt das Podium der Sowohl-als-auch-Kanzlerin, die sich ständig aktuellen Entwicklungen anpasst.

Sowohl die eigenen Prinzipien als auch die neuen Herausforderungen bringe man in Einklang, sagt Merkel. Deshalb ja zum Gymnasium, nein zur Abschaffung der Hauptschule, aber für die Zusammenlegung mit der Realschule unter einem Dach. Deshalb weg mit Wehrpflicht, aber ja zum Staatsbürger in Uniform. Und ja zur Finanzwirtschaft, aber nur zu einer, „die der Menschlichkeit dient und den Geboten der sozialen Marktwirtschaft entsprechen will“.

Kritiker nennen das alles beliebig, Merkel hält dagegen: „Der Kontext, die Zeiten, in denen wir leben, verändern sich.“ Die Union sage, „wie wir es machen und nicht, wogegen wir sind“. Das kommt an. Der Mindestlohn hätte zum Ventil werden können für angestauten Unmut. Der Konflikt über die Ausgestaltung, der Merkel beinahe auf die Füße gefallen wäre, sei aber „galant abgeräumt“ worden, heißt es.

Trickreiche Formulierungen

Die Formulierungen des Antrags sind jetzt so trickreich gewählt, dass jeder sich wiederfinden kann. Nicht mehr der Staat, sondern eine Kommission aus Arbeitgebern und Arbeitnehmern soll entscheiden. Der Konflikt ist ausgelagert. Hinter den Kulissen wird kolportiert, es habe massive Konfrontationen gegeben zwischen dem Wirtschaftsflügel und den Arbeitnehmern, aber auch zwischen Merkel auf der einen und ihre Stellvertretern Ursula von der Leyen und Norbert Röttgen auf der anderen Seite. Am Vorabend des Parteitages ist der Kompromiss gefunden worden.

Am Ende, so der Eindruck, ist wohl am wichtigsten, dass man der SPD ein Thema genommen hat. Doch was kommt in den nächsten zwei Jahren noch von CDU und Regierung? Angela Merkel lässt es in ihrer Rede offen.