Das Radio sendet alte Interviews von dem 78-jährigen Politiker, der seit einem schweren Schlaganfall am 4. Januar nicht mehr ansprechbar ist. "Scharons Einfluss ist enorm", urteilt der Politikprofessor der Universität Haifa, Ascher Arian. Nach seiner Einschätzung wären die heutige politsche Lage und der Wahlkampf ohne Scharon nicht so, wie sie sind.
Die Kadima-Partei, die Scharon nur wenige Wochen vor dem plötzlichen Ende seiner politischen Karriere gegründet hatte, setzt bewusst auf den Scharon-Bonus. Das Andenken an den legendären Feldherrn und politischen Führer Scharon ist ein wesentlicher Bestandteil ihres Wahlkampfes und Beobachter sind sich einig, dass die Partei sich als Verkörperung von Scharons politischer Vision in Szene setzt. "Ariel Scharon war der Gründer, Ariel Scharon war die Inspiration von Kadima und wir sind stolz, seine Politik, Prinzipien und Pläne für Kadima weiter zu verfolgen", sagt Ehud Olmert, der nach Scharons Zusammenbruch übergangsweise dessen Ämter als Regierungs- und Parteichef übernahm und Kadima bei der Knesset-Wahl morgen zum Sieg führen will.
Olmert hielt sich als enger Berater Scharons viele Jahre lang im Hintergrund und vermeidet auch jetzt noch, seine Rolle als neue Nummer eins in Partei und Regierung hervorzuheben.
Avraham Diskin, Politikprofessor an der Hebräischen Universität von Jerusalem, glaubt, dass der erfahrene Politiker sich mit Bedacht zurückhält. Zu Olmerts Wahlkampf gehören ganz selbstverständlich Bilder von Scharon in Uniform als Held des Jom-Kippur-Kriegs 1973, Scharon als Staatsführer an der Seite von US-Präsident George W. Bush, Scharon neben seinem treuen Parteifreund Olmert. Umfragen geben dieser Taktik Recht: Sie sagen für Kadima bis zu 37 der 120 Parlamentssitze voraus. Damit wäre sie stärkste Kraft in der Knesset.
Scharons Gewicht wird Olmert wohl auch bei der von ihm geplanten Neuziehung der Grenzen Israels helfen. Als künftiger Regierungschef will er die großen jüdischen Siedlungsblöcke im Westjordanland ausbauen und zugleich kleinere Siedlungen aufgeben. Den Weg dazu hat ihm Scharon gebahnt, indem er im vergangenen Jahr den Rückzug aus dem Gazastreifen durchsetzte. Der Widerstand dagegen in der eigenen Likud-Partei führte schließlich zu Scharons Bruch mit dem Likud und zur Neugründung von Kadima.
Auch bei der Likud-Partei spielt Scharon als heimlicher Übervater nach wie vor eine wichtige Rolle. Likud braucht Stimmen aus dem Zentrum und der Linken, sagt ein früherer Scharon-Berater und fügt hinzu: "Der beste Weg dazu ist Scharon."