Der Konferenzsaal des Hotels ist funktional eingerichtet. Tische sind aneinander gestellt, drum herum nicht zu bequeme Stühle. Keine unnötigen Details sollen das Team von der Arbeit ablenken. Ehe die Teilnehmer der Runde am Abend die Köstlichkeiten der hauseigenen Hotel-Brauerei genießen können, liegt eine Menge Arbeit vor ihnen.
Für die Experten, sie alle kommen aus kleinen und mittelständischen Firmen in Berlin und Brandenburg, sind zahlreiche Skizzen und Entwürfe vorbereitet worden. Sie enthalten alle technischen Daten für den Prototypen des „Tourist“ . Der intelligente Suchagent ist das zentrale Thema der geschlossenen Gesellschaft, die sich im Spreewald trifft.
Die Technik ist eine Weltneuheit. In Schlepzig soll das zukunftsweisende IT-System deutlichere Konturen annehmen. Daran arbeitet ein Expertenteam rund um Professor Uwe Meinberg, den Leiter des Fraunhofer-Anwendungszentrums für Logistiksystemplanung und Informationssysteme (ALI) an der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) Cottbus.
„Tourist besteht aus drei Komponenten: einem Chip, vielen Terminals und dem intelligenten Suchagenten“ , sagt der Professor und beschreibt, was das System leistet: Reisende, die sich für Theater, Parks oder Galerien interessieren, werden über diese Einrichtungen und ihre Programme informiert. Wer Geschichte oder Fußball bevorzugt, vielleicht selbst sportlich aktiv ist, dem werden Veranstaltungen empfohlen, Aktivitäten angeboten. „Egal, was der Benutzer mag - Tourist bringt ihn durch die Lausitz“ , so Uwe Meinberg.
Dafür wird ein kleiner Chip benötigt, auf dem sich das Profil des Besuchers befindet. Außerdem werden Auskunftsterminals gebraucht. Das Wichtigste aber ist der intelligente Suchagent, der in allen online verfügbaren Datenbanken und auf Internetseiten nach Angeboten sucht, die den Interessen des Benutzers entsprechen. Er versorgt den Touristen mit Hintergrundwissen zur Slawenburg in Raddusch, informiert über Osterfeuer, Festkonzert und Kahnfahrt, freie Theaterplätze oder Paddelangebote durch den Spreewald. Der intelligente Suchagent von der Größe eines 50-Cent-Stückes macht Vorschläge für Urlaub und Ausflüge.
Noch ist all das Vision - aber seit einigen Monaten arbeiten Spezialisten an der Entwicklung des innovativen IT-Systems. „Die Lausitz ist das weltweite Pilotprojekt für das elektronische Tourist-System. Großes Ziel ist die nationale und internationale Vermarktung“ , sagt Meinberg. Elf Klein- und Mittelstandsunternehmen aus Brandenburg und Berlin entwickeln mithilfe des ALI die Technik, die Menschen - abgestimmt auf individuelle Vorlieben - durch die Lausitz führt. Für diese Idee wurden die Netzwerk-Partner Anfang des Jahres vom Bundeswirtschaftsministerium ausgezeichnet. Jetzt bleiben drei Jahre Zeit, um aus der Theorie ein Produkt zu kreieren.

Mit der Gurke durch die Lausitz
„Zum Spreewald passt die Spreewaldgurke. Deshalb haben wir überlegt, einen Gegenstand mit dieser Form zu entwickeln, in dem sich dann der Datenchip befindet, mit dem die Gäste die Lausitz erkunden“ , so der Wissenschaftler. „Tourist soll das Ankommen in unserer Region erleichtern und Urlaub von der ersten Minute an garantieren“ , ergänzt Silke Köhler vom ALI, die mit dem Netzwerkmanagement Tourist betraut ist.
Meldet sich der Besucher im Hotel an und nimmt sich beim Einchecken zehn Minuten Zeit, um einen Fragebogen auszufüllen, wird der Urlaubs-Manager aktiviert. Aber auch schon vor Reiseantritt könne der Fragebogen im Internet ausgefüllt werden. In der Tourist-Info, im Hotel, beim Boots- oder Fahrradverleih gibt es dann den schlauen Begleiter. So klein, dass er in jede Hosen- oder Handtasche passt.
„Er bringt nicht nur Vorschläge zu Museumsbesuchen oder Fahrradtouren, er bietet auch Hintergrund- und Zusatzinformationen zu Ausflugszielen“ , weitet Meinberg das Einsatzgebiet aus. Dafür sollen an allen touristisch relevanten Punkten in der Lausitz Terminals aufgebaut werden. „An jeder Attraktion soll so ein Auskunftsterminal stehen, abhängig vom Standort wetterfest und stoßsicher“ , sagt Meinberg.
Pilotpartner für das Projekt ist die Internationale Bauausstellung (IBA). Dort wird Anfang 2008 der erste Info-Point installiert. „Wir testen das System mit einem Terminal in unserem Besucherzentrum auf den IBA-Terrassen in Großräschen“ , sagt die Projektverantwortliche Antje Boshold. Wie viele dieser Info-Terminals in der Lausitz stehen werden, hängt von den Partnern ab. Silke Köhler: „Je mehr Partner sich beteiligen, desto flächendeckender kann installiert werden.“ Wichtige touristische Stationen wie das Besucherbergwerk F60 in Lichterfeld oder das Staatstheater in Cottbus könnten mit Terminals ausgestattet werden.
Kommt ein Urlauber mit dem Chip in ihre Nähe, können auf den Monitoren der Auskunftsterminals Informationen zu Entstehung, Geschichte, Entwicklung und aktuellen Ereignissen abgerufen werden. Durch Zusatzgeräte oder das Handy erfährt der Benutzer, wo gerade ein Töpfermarkt oder Dorffest veranstaltet wird. Je nach Interessen und Vorlieben: Der intelligente Suchagent passt sich an und dirigiert. Geeignet ist der Tourist nicht nur für Ortsfremde. „Auch für Lausitzer könnte das System interessant sein. Er möchte seine Heimat nach eigenen Bedürfnissen erkunden“ , sagt Silke Köhler.

Per Funk werden Daten abgerufen
„Unbemerkt vom Benutzer zieht sich der Suchagent die relevanten Informationen aus dem Internet und anderen Medien. Das Besondere - die Daten werden ständig aktualisiert und die Auswahl der Dynamik des Touristen angepasst“ , so Meinberg. Interessiert den Besucher entgegen der Profil-Angaben doch auch Sport, nimmt Tourist das wahr und macht spezielle Angebote, weist auf das nächste Energie-Spiel oder eine Squash-Halle hin. Er speichert, was die Gäste bevorzugen und bietet das an.
Ein Spitzel im Sinne von Kontrolle und Überwachung sei das aber nicht. „Der elektronische Suchagent stellt fest, wo der Tourist sich befindet und schlägt ihm Veranstaltungen vor, die seinem Profil entsprechen. Alle Daten werden anonym behandelt und nach Abreise des Besuchers wieder gelöscht. Speziell um den Datenschutz kümmert sich die Firma Persicon aus Potsdam“ , sagt der Professor.
„Es gibt kein noch stärker zielorientiertes Angebot. Präzise und ohne überflüssige Informationsflut wird auf die individuellen Bedürfnisse der Gäste der Lausitz reagiert“ , beschreibt Meinberg die Vorteile. „Auch für die Touristenvereine wäre das System von großem Nutzen. Sie könnten ihre Ausflugsprogramme den Vorlieben der Touristen anpassen. Daraus ergeben sich ungeahnte Möglichkeiten. Diese Bedarfsorientierung kann sich positiv auf die gesamte Wirtschaftsregion Lausitz auswirken“ , ist Meinberg sicher.

Hintergrund Netzwerkpartner
 Beteiligte Unternehmen:
„level9“ aus Senftenberg (Softwareentwickler für den Suchagenten)
„aibis“ Informationssysteme aus Potsdam/Hamburg
„TSI Telematic Solutions Int“ aus Berlin (Navigationssysteme)
„dwif-Consulting“ aus Berlin (Bewegungsprofil)
„Lokal-Radio“ aus Cottbus (Medium)
„Lindner Congress Hotel“ in Cottbus
„Cottbusverkehr“
„Spreewald Rad Akademie“ Cottbus
„Internationale Bauausstellung“ (IBA)
„PERSICON Information Risk Management“ aus Potsdam (Datenschutz)
„Spreehafen Burg“ als Tourismusunternehmen
Kontakt zum ALI über Silke Köhler: 0355 69 4487 oder per Mail
silke.koehler@ali.fraunhofer.de