Klaus Wowereit packte am Donnerstag im Berliner Abgeordnetenhaus den Kämpfer aus. Manchmal etwas fahrig, aber meist auf Attacke gepolt, wehrte sich der Regierende Bürgermeister in einer hitzigen Debatte gegen den Vorwurf des politischen Versagens beim Desaster um den Berliner Großflughafen.

Er sei in sich gegangen und habe sich selbstkritisch geprüft, betonte der SPD-Mann. Fündig wurde er dabei offenbar nicht: Ein Rücktritt sei zwar nicht die "schlimmste Konsequenz", so Wowereit. Aber er gehöre "zu denjenigen, die nicht weglaufen, sondern sich der Verantwortung stellen".

Es sind schwere Stunden für den ehemaligen Liebling der SPD. Am morgigen Samstag wird das Berliner Parlament über einen Misstrauensantrag gegen Wowereit entscheiden. Seine Ablösung muss der 59-Jährige nicht fürchten, weil ihm die Koalitionsfraktionen aus Sozialdemokraten und CDU bereits das Vertrauen ausgesprochen haben.

Außerdem handelt es sich um eine namentliche Abstimmung, so dass sich mögliche Königsmörder erst recht nicht aus den Büschen trauen werden.

Doch das Problem ist damit nicht gelöst: Das Flughafendebakel hat Wowereit zum Regierenden auf Abruf gemacht, er ist zur Belastung für seine Partei geworden. Auch im Bund. In der SPD weiß man: Der Pannenflughafen ist längst kein begrenztes, rein landespolitisches Problem mehr. Die Ereignisse interessieren von Flensburg bis München.

Selbst die ausländische Presse berichtet breit über die Pleite im märkischen Sand, in deren Mittelpunkt zwei für die Gesamtpartei wichtige Männer stehen: Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck, der einmal Parteichef war, und eben Noch-Flughafen-Aufsichtsratschef Wowereit, der nach seinem Wahlerfolg 2011 sogar als Kanzlerkandidat der SPD gehandelt wurde.

Beide gehören zum eher kleinen Kreis bundesweit bekannter Genossen aus den Ländern, mit denen sich bislang punkten ließ. Dass man im Willy-Brandt-Haus nun hochgradig nervös ist und sich vor den politischen Nachbeben des Debakels fürchtet, belegt ein bizarrer Streit zwischen Parteichef Sigmar Gabriel und dem Berliner Landesvorsitzenden Jan Stöß. Der hatte verraten, Gabriel und er hätten ein Rücktrittsangebot Wowereits abgelehnt und ihn gebeten, zu bleiben.

Das wiederum empörte Gabriel: "Ein entsprechendes Gespräch hat es nicht gegeben", ließ der Vorsitzende "irritiert" wissen. Sigmar Gabriel hat schon genügend Probleme am Hals angesichts des Stolperstarts von Kanzlerkandidat Peer Steinbrück - jetzt gilt es für die Partei zu vermeiden, in den Berliner Strudel hineingezogen zu werden. Ob das gelingen wird, ist offen. Zumal das schwarz-gelbe Lager versucht ist, das Flughafenchaos im Bundestagswahlkampf für sich zu nutzen.

Interessanterweise ist eine der wichtigsten Gegenspielerinnen Wowereits eine Grüne: Ramona Pop. Während SPD und Grüne auf Bundesebene nach der Wahl im Herbst eine neue Regierung bilden wollen, attackiert die Berliner Fraktionschefin den Regierenden ohne Rücksicht auf Verluste: Inzwischen mache sich die ganze Welt über Berlin lustig, stichelte sie im Abgeordnetenhaus. Wowereit sei nur noch ein Bürgermeister, "der seine Restzeit im Roten Rathaus absitzt". Das wollte der Gescholtene nicht auf sich sitzen lassen. Er habe noch "genug Kraft", konterte Wowereit. Sicher ist das aber nicht.