In den Landkreisen entlang der RE 2-Strecke zwischen Cottbus und Berlin schrillen zurzeit die Alarmglocken. Seit Brandenburgs Infrastrukturministerin Kathrin Schneider (parteilos) den Landräten mitgeteilt hatte, dass mit dem Fahrplanwechsel im Dezember vier Haltepunkte - Brand, Raddusch, Kunersdorf und Kolkwitz - zur Disposition stehen, kennt das Unverständnis kaum noch Grenzen.

Die Empörung war am Montagabend auch in der Reiseregion Spreewald unüberhörbar. Im Bau- und Verkehrsausschuss des Kreistages Dahme-Spreewald in Lübben warnten die Mitglieder des Gremiums vor den Folgen einer Schließung des Bahnhofes in Brand für Tropical Islands sowie aus Sicht des Tourismusverbandes Spreewald. Dessen Leiterin Annette Ernst sagt unmissverständlich: "Wenn Raddusch und Brand nicht mehr oder eingeschränkt bedient werden, wäre das fatal und ein Rückschlag für die touristischen Bemühungen." In beiden Orten sehen die Touristiker Investitionen bedroht, die auf die Bahn als Anreisemöglichkeit setzen.

Das bestätigt auch der Lübbener Architekt Andreas Rieger. Er plant zurzeit für Berliner Investoren, ein altes Gebäude in Raddusch umzubauen. Es sollen Ferienwohnungen und Veranstaltungsmöglichkeiten entstehen. "Mit der attraktiven Bahnanbindung steht und fällt dieses Projekt", erklärt Rieger, der als grüner Kommunalpolitiker von Ministerin Schneider fordert, an den Halten des RE 2 nicht rütteln zu lassen. Unterdessen haben auch auf Facebook viele Bahnnutzer gegen die Pläne protestiert.

Allein in Brand steigen pro Jahr 230 000 Reisende ein und aus, etwa 80 Prozent davon kommen mit dem RE 2. "Was da durchgespielt wird, ist unmöglich", betont der CDU-Fraktionschef im Kreistag Dahme-Spreewald, Michael Kuttner. Betroffen seien neben vor allem Berliner Gästen auch Hunderte von Mitarbeitern der Freizeitanlage Tropical Islands. Mit dem Ausbau der Bettenkapazitäten soll auch deren Zahl wachsen. Verkehrspolitiker fürchten zudem eine Zunahme des Fahrzeugverkehrs in der sensiblen Naturlandschaft des Biosphärenreservates.

Hintergrund für die Aufregung sind jene vier Minuten, die der RE 2 ab Fahrplanwechsel länger in Berlin verweilen muss, um die schneller werdenden ICE-Züge Berlin-Leipzig-München (Verkehrsprojekt Deutsche Einheit Nr. 8) und Berlin-Hamburg in den Fahrplan einzuordnen. Da an den Endhaltepunkten in Cottbus und Wismar die Anschlüsse an den Regionalverkehr bis hin zum Schülertransport eng bemessen sind, soll die Odeg schneller verkehren. Doch die Fahrplangestalter beim Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) wissen, dass die Geschwindigkeit auf der RE 2-Schiene zwischen Königs Wusterhausen und Cottbus ausgereizt ist.

Deshalb sei mit der Ministerin erörtert worden, bestätigt eine VBB-Sprecherin der RUNDSCHAU, die Schließung von Haltepunkten ins Kalkül zu ziehen. Es sei aber nichts entschieden, versichert sie wie auch der Sprecher des Infrastrukturministeriums Steffen Streu. Er verweist auf Regionalkonferenzen im April, auf denen Varianten erörtert werden sollen. Ein sportlicher Zeitplan: Denn bereits im April soll das Land seine Vorschläge für die neue Fahrplangestaltung an den VBB melden.

Was den Landeschef des Fahrgastverbandes Pro Bahn, Dieter Doege, an der Debatte besonders ärgert: "Seit mehr als einem Jahr liegen fundierte Vorschläge zur Lösung der Probleme des RE 2 vor. Doch Politik und Bahn haben nicht darauf reagiert." Doege verweist auf die von der IHK Cottbus in Auftrag gegebene Studie "Zurück zur Pünktlichkeit". Darin wird nachgewiesen, dass der Fahrplan auf der mit 389 Kilometern längsten Regionalexpress-Strecke Berlin-Brandenburgs entzerrt werden müsse. Die Erhebungen kommen zu dem Schluss, dass der Fahrplan des RE 2 in ein viel zu enges Korsett gequetscht sei.

Zu diesem Korsett gehört vor allem die Eingleisigkeit der Strecke zwischen Vetschau und Cottbus. Aufgrund dieser Situation, die bei nur geringen Verspätungen stets das Warten auf den Gegenzug zur Folge hat, gehört der Fahrplan entzerrt. Die Studie macht kein Hehl daraus, dass die Odeg ohne grundsätzliche Fahrplankorrekturen und ein (zügig zu realisierendes) Ausweichgleis am Bahnhof Kunersdorf in puncto Pünktlichkeit chancenlos ist.

"Eine langfristige Planung für diese Strecke - Fehlanzeige", betont der Pro-Bahn-Vorsitzende. Und jetzt falle den Entscheidungsträgern nur noch ein, Haltestationen zu schließen. Für Doege ist das ein Armutszeugnis. Es zeige Rat- und Hilflosigkeit. "Mit der Streichung von Haltepunkten werden Strecken nicht gerade attraktiver", sagt Doege. Dass der Haltepunkt Brand - trotz des Tropenparadieses Tropical Islands - mit auf die Streichliste geraten ist, hat für ihn nur einen Grund: Hier könne der RE 2 mit 160 km/h von Königs Wusterhausen bis Lübben rauschen. Das bringe die meiste Zeitersparnis.

Der viel gescholtene Odeg-Geschäftsführer Arnulf Schuchmann sieht den Ball eindeutig beim VBB liegen. "Wir müssen in KW später losfahren, können aber nicht schneller, um pünktlich in Cottbus zu sein." Wenn es bei der Variante bleibe, gehe das nur mit weniger Haltepunkten.