Wie will Deutschland eine gemeinsame Haltung zu den US-Raketenplänen durchsetzen, wenn die Große Koalition sich nicht einmal selbst einig ist„
Das geplante US-Raketenabwehrsystem wirft zahlreiche Fragen auf, die ernsthaft diskutiert werden sollten. Mir geht es vor allem darum, dass wir den Preis einer möglicherweise im Streit durchgesetzten Stationierungsentscheidung genau bedenken: die Gefahr einer Spaltung Europas und der Nato und ein Russland, das in alte Reflexe verfällt. Das wäre aus meiner Sicht ein sehr hoher Preis.

Ihre Äußerung, die amerikanischen Pläne seien legitim, wird als Distanzierung zu Parteichef Beck interpretiert. Teilen Sie seine Ansicht nicht“
Niemand wird an dieser Stelle einen Keil in die SPD treiben können. Kurt Beck und ich haben ein gemeinsames Ziel: Wir brauchen eine neue Anstrengung für Abrüstung. Hier sind wir alle gefordert, auch die Atommächte.

Sind die Raketen tatsächlich eine Bedrohung für Russland, oder handelt es sich in Moskau nicht viel mehr um eine gefühlte Bedrohung, weil man von anderen übergangen wurde„
Auch eine nur gefühlte Bedrohung Moskaus müssen wir ernst nehmen. Denn aus diesen Gefühlen entstehen Unsicherheit und Misstrauen. Um das zu verhindern, müssen wir miteinander an einen Tisch und in einem offenen und ehrlichen Dialog die jeweiligen Positionen und Interessen sorgfältig austarieren.

Polen und Tschechien verhandeln einseitig mit den USA. Wie beurteilen Sie das“
Auf gemeinsame Bedrohungen sollten wir auch gemeinsame Antworten finden. Wir sollten deswegen in der Nato über diese Pläne sprechen, unter Einbeziehung Russlands. Wenn wir diesen transatlantisch-russischen Dialog ernsthaft führen, kann das entstehen, was wir brauchen: Vertrauen und Bereitschaft zur Zusammenarbeit.

Polen und Tschechien sollen sich also in einen solchen Dialog begeben„
Ja, das meine ich in der Tat, und ich habe auch den Eindruck, dass die Bereitschaft dazu wächst.

Hat die SPD die Absicht, dieses Thema in den Bundestagswahlkampf zu ziehen, so wie 2002 den Irak-Krieg“
Zweieinhalb Jahre vor der nächsten Bundestagswahl geht es doch nicht um Wahlkampf. Es geht darum, über eine so wichtige Frage die notwendige Diskussion zu führen und darauf zu achten, dass am Ende unterm Strich nicht mehr Misstrauen und größere Unsicherheit steht.

Auch Becks Aussage, dass der Aufschwung der SPD gehöre, zeigt, dass die Stimmung in der Koalition angespannter wird. Ist das so„
Ich finde vor allem, dass Kurt Beck Recht hat. Die SPD hat die Agenda 2010 gegen zum Teil heftigen Widerstand durchgesetzt. Jetzt fahren wir die Ernte ein: mehr Wachstum, mehr Jobs, weniger Arbeitslose. Wir haben den Karren aus dem Dreck gezogen und deswegen dürfen wir Sozialdemokraten auf diesen Aufschwung stolz sein. Jetzt wollen wir dafür sorgen, dass alle von diesem Aufschwung profitieren.

Nächste Woche werden Sie im Untersuchungsausschuss zum Fall Kurnaz befragt. Nervös“
Nein. Ich bereite mich gründlich vor und begrüße die Gelegenheit, meinen Beitrag zur Sachaufklärung zu leisten.

Glauben Sie, dass Sie diese Affäre ohne Beschädigung überstehen?
Ich bin überzeugt: Am Ende wird jedem objektiven Betrachter klar sein, dass die damalige Bundesregierung in schwierigen Zeiten verantwortungsvoll und richtig gehandelt hat.

Mit FRANK-WALTER STEINMEIER sprach Werner Kolhoff