Grant Park, Chicago: Was waren das für Szenen am Abend des 4. November 2008! In den Jubel seiner Anhänger hinein rief Barack Obama, wenn es jemanden gebe, der noch immer bezweifle, dass in Amerika alles möglich sei - "heute Nacht habt ihr die Antwort". Das Land war in die Finanzkrise gerutscht, Lehman Brothers pleite, die Zukunft ungewiss. Doch von Verunsicherung war nichts, aber auch gar nichts zu spüren an jenem milden Novemberabend im Grant Park. Wildfremde Menschen lagen sich den Armen, während ein ausgelassener Zug bis zur Morgendämmerung durch die Straßen der Stadt tanzte. Aufbruch! Neubeginn! Neuerfindung! John McCain, der Unterlegene, gratulierte dem Sieger mit Worten zum Sieg, die in ein Lehrbuch für Verlieren in Anstand und Würde gehören.

Acht Jahre später erleben die USA einen Kontrast, der einen glauben lässt, die Verbrüderungsszenen von damals seien nur ein Herbstmärchen gewesen. Donald Trump hat die Probleme, die eine Mehrheit daran zweifeln lassen, ob sich das Land noch auf dem richtigen Weg befindet, zu einem Horrorgemälde verdichtet. Dahinter steckt kühles Kalkül, denn nur wer die Wirklichkeit schwarzmalt, kann sich als Retter in höchster Not empfehlen, so wie der Bauunternehmer es tut. Trump hat es geschafft, den Wahldiskurs nahezu jeder inhaltlichen Substanz zu berauben. Debatten über Sachthemen hat er ersetzt durch Twitter-Fehden, deren Themen den Eindruck erwecken, als ginge es um die nächste Soap-Folge Kim Kardashians, nicht um den künftigen Kurs einer Supermacht.

Ohne gute Geschichte

Hillary Clinton hat die Substanz, die ihrem Rivalen abgeht, zwar reichlich zu bieten. Doch sie kann Menschen nicht begeistern, nicht einmal ihre treuesten Anhänger. Bisweilen wirkt sie, als erhebe sie Anspruch auf das höchste Staatsamt, weil sie glaubt, es sich in langen, harten Jahren in der ersten Reihe der Politik sauer verdient zu haben. Wahrscheinlich wäre sie eine gute Präsidentin. Ihr Ansatz, in kleinen Schritten voranzukommen, hat schon einmal funktioniert, in den Neunzigerjahren, der Präsident war ihr Ehemann. Aber es gelingt Hillary einfach nicht, eine gute Geschichte zu erzählen, ihr Programm in einer zündenden Zeile zu bündeln. Etwas, was eigentlich auch immer typisch für Amerika war, von Roosevelt über Kennedy und Reagan bis hin zu Obama. Ihre Botschaft beschränkt sich im Wesentlichen auf die Warnung vor dem Scharlatan, dem Charakterlumpen, dem Risiko Trump. So berechtigt sie sein mag, das Positive sucht man darin vergebens. Noch einmal: Was für ein Kontrast zum Jahr 2008! Als Obama mit dem Leitspruch von Bühne zu Bühne zog, dass es kein blaues und kein rotes, kein demokratisches und kein republikanisches, kein schwarzes und kein weißes Amerika gebe, sondern nur die Vereinigten Staaten, beschwor er einen Idealismus, wie er der nüchternen Praktikerin Clinton fremd zu sein scheint.

Die Parteien verbindet wenig

Sicher, Obamas Versprechen sind nicht erfüllt. Der politische Graben ist noch breiter als 2008, es gibt kaum noch etwas, was die beiden großen Parteien verbindet. Der Populist Trump hat sich rassistischer Ressentiments bedient, um weiße Amerikaner um sich zu scharen, als gelte es, eine Wagenburg gegen die Indianer zu bilden. Er lebt von der Sehnsucht nach der Welt von gestern, auch wenn er selber genau weiß, dass sich das Rad nicht zurückdrehen lässt.

Nur haben Ressentiments in amerikanischen Wahlkämpfen schon immer eine Rolle gespielt, und auch die politische Spaltung ist nichts Neues, wenngleich der Riss diesmal besonders tief zu sein scheint. Was diesmal fehlt, ist die idealistische Antwort auf den Status quo. Was fehlt, ist der Blick nach vorn, das Ärmelaufkrempeln, das Beschwören von Möglichkeiten. Das "Yes, we can", das den Rest der Welt vor acht Jahren bewundernd, staunend, neidisch, mitunter auch kopfschüttelnd auf die USA blicken ließ, hat einer lähmenden Verzagtheit Platz gemacht. An die Stelle des uramerikanischen Optimismus ist diffuse Angst getreten. Angst vor dem Fremden. Angst vor dem eigenen sozialen Abstieg. Angst vor Terroristen, vor chinesischem Fleiß, vor Einwanderern aus Mittelamerika. Weiße Amerikaner, wenn auch bei weitem nicht alle, fürchten den demografischen Wandel, der dazu führen wird, dass sie etwa ab 2040 nicht mehr die Bevölkerungsmehrheit stellen.

Und die beiden großen Parteien haben das Kunststück vollbracht, nach anderthalbjährigem Marathon Kandidaten aufzustellen, die die niedrigsten Beliebtheitswerte aufweisen, die bei Finalisten im Duell ums Weiße Haus je ermittelt wurden. Die Wähler wählen nicht positiv, sie wählen das kleinere Übel. Wer für Hillary stimmt, will das Risiko namens Trump verhindern. Wer für Trump stimmt, den treibt vor allem der Hass auf Hillary. Was alle vereint, ist der Stoßseufzer: Zum Glück ist es am Abend des 8. November vorbei!