Ali Bardakoglu hat einen Job, der wohl einmalig ist auf der Welt. Der 54-jährige Professor für islamisches Recht leitet die Religionsbehörde in der Türkei und ist damit einerseits Staatsvertreter und Chef eines Apparates mit mehreren zehntausend Mitarbeitern - und gleichzeitig ist er der oberste Repräsentant des Islam in der laizistischen Republik. In seinem festlichen Ornat und seinem weißen Turban traf er gestern den Papst, das Oberhaupt der katholischen Kirche, um über Glaubensfragen zu sprechen. Bardakoglu gehört in der Türkei zu den schärfsten Kritikern der Regensburger Rede Benedikts vom September.
Dass die Kontroverse um Benedikts Islam-Zitate aus seiner Sicht noch nicht beendet ist, machte Bardakoglu wenige Tage vor der Ankunft des Papstes in einem Fernsehinterview deutlich. Formell entschuldigt habe sich der Papst nach wie vor nicht, sagte Bardakoglu. Man könne vieles innerhalb weniger Sekunden zerstören, doch die Wiedergutmachung dauere lange, fügte er mit Blick auf die Äußerungen des Papstes, die von vielen Moslems als Beleidigung ihres Glaubens und ihres Propheten Mohammed aufgefasst worden waren, hinzu.
Bardakoglu empfand Benedikts Äußerungen offenbar als tief verletzend - seine harsche Kritik am Papst stand in einem deutlichen Gegensatz zu dem eher sanften Temperament und der Liberalität, die er sonst an den Tag legt. Der Gelehrte, der außer Türkisch noch Arabisch und Englisch spricht, gilt als islamischer Reformer. Unter seiner Leitung durchforsten Experten des Religionsamtes die Überlieferungen aus dem Leben Mohammeds mit einem für islamische Verhältnisse revolutionären Auftrag: Alle als nicht authentisch geltenden Aussprüche des Propheten, die als frauenfeindlich eingestuft werden, sollen aus dem Überlieferungsschatz entfernt werden. Für Bardakoglu steht fest, dass Mohammed kein Macho war. Die Ergebnisse seiner Reform will er unter anderem als Mittel im Kampf gegen die Ehrenmorde in der Türkei einsetzen.
Auch die immer noch in vielen ländlichen Gebieten der Türkei verbreiteten Zwangsehen sind aus Sicht des Professors und Behördenleiters unislamisch. Sowohl der Islam generell als auch Mohammed selbst hätten klar gegen Zwangsehen Position bezogen, ist seine Meinung. Unter Bardakoglu wurden zudem erstmals in der Türkei zwei weibliche Muftis ernannt. Generell gehört die Frage, wie der Glaube und das moderne Leben miteinander vereinbart werden können, zu den Hauptmotiven seiner Amtszeit, die im Mai 2003 begann, kurz nach der Regierungsübernahme der islamisch gefärbten Regierungspartei AKP von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan.
Der aus Kastamonu von der türkischen Schwarzmeerküste stammende Bardakoglu wacht als Chef des Religionsamtes auch darüber, dass der Islam in der Türkei keine radikalen oder gar staatsfeindlichen Tendenzen entwickelt. Bardakoglus Amt unterstehen die knapp 80 000 Moscheen im Land, alle Imame werden vom Staat bezahlt, selbst die Freitagspredigten werden in seiner zentralen Behörde geschrieben - der Staat kontrolliert die Religion.