Einen positiven Trend immerhin haben Klingholz und seine Kollegen von der Forschungseinrichtung, die sich auf Bevölkerung und Entwicklung spezialisiert hat, noch entdeckt. Es werde auch wieder mehr an Leben geben insbesondere im Osten, allerdings nicht menschliches. Schon jetzt sei zu beobachten, dass Wildtiere wie Luchse und Wölfe, vereinzelt auch Elche zurückkehrten in die Gegenden, in denen die Besiedlung schwindet. Hier immerhin, so meint Klingholz leicht spöttisch, sei eine gute demographische Entwicklung zu beobachten.

Lausitz bei den Schlusslichtern
Das Institut hat in einer von namhaften Organisationen wie der Bosch-Stiftung und der Krankenkasse DKV mitfinanzierten Studie versucht, aus unterschiedlichsten Daten eine Art Rangfolge der Perspektiven für die einzelnen Landkreise und kreisfreien Städte Deutschlands zu entwickeln. Das Ergebnis dieser Auswertung ist eine Note für jede der Gebietskörperschaften mit Spitzenwerten von 2,7 etwa im schwäbischen Biberach oder im bayerischen Freising und den schlechtesten Zensuren vor allem im Osten bei Werten von bis zu 4,7 in Bernburg (Sachsen-Anhalt) beispielsweise oder Demmin (Mecklenburg).
Die brandenburgische wie die sächsische Lausitz gehören zu den Gebieten mit den traurigsten Noten. Cottbus schafft mit einem Schnitt von 3,9 gewissermaßen gerade noch die Versetzung, die Kreise Elbe-Elster und Oberspreewald-Lausitz liegen knapp unter, Spree-Neiße knapp über der Note 4,4. Dahme-Spreewald schafft immerhin 3,5 - was allerdings vor allem mit den Wachstumsgemeinden im Süden Berlins zusammenhängt. Hoyerswerda hat mit 4,6 einen der schlechtesten Werte bundesweit, der Niederschlesische Oberlausitz-Kreis liegt bei 4,2. Kamenz immerhin profitiert ganz offensichtlich von der Nähe Dresdens und schafft fast 3,6. Dresden selbst liegt übrigens bei guten 3,2, Berlin dagegen bei knapp unter vier.
Verantwortlich für die schlechten Noten sind vor allem die Daten zur Bevölkerungs- und Wirtschaftsentwicklung. Und besonders beunruhigend ist der Trend, der sich aus dem Vergleich mit einer Studie aus dem Jahre 2002 ergibt. In einigen Kreisen, insbesondere in Elbe-Elster und Spree-Neiße, zeigt da der Pfeil steil nach unten.
Die schlechten Ergebnisse teilt die Region mit dem weitaus größten Teil der neuen Länder. Einzige Lichtblicke sind Teile Sachsens, insbesondere Dresden, und der Speckgürtel rund um Berlin. Unter den Bundesländern schneidet Sachsen-Anhalt mit weitem Abstand am schlechtesten ab.

Die Frauen fehlen
Die Prognosen für den Osten insgesamt und die Lausitz im Besonderen sind dementsprechend düster. Für die Lausitz sagen die Forscher einen weiteren Bevölkerungsrückgang von jährlich einem Prozent für den Zeitraum bis 2020 voraus. Ausnahmen sind Kamenz, wo nur ein leichter Rückgang zu erwarten sei, und Dahme-Spreewald, wo die Einwohnerzahl weiter steige.
Eine wesentliche, jetzt erst allmählich Wirkung entfaltende Tatsache sei der stets steigende Frauenmangel im Osten. So kommen in vielen Kreisen auf 100 Männer im Alter von 18 bis 29 Jahren gerade noch 80 Frauen. Im ganzen Osten überhaupt ist nur in den Städten Berlin, Leipzig, Potsdam, Halle und Erfurt das Verhältnis einigermaßen ausgeglichen. Umgekehrt leben in vielen Städten Westdeutschlands in dieser Altersgruppe viel mehr Frauen als Männer. Dies wirkt sich zwangsläufig auf die Geburtenrate aus und verstärkt den Negativ-Trend im Osten weiter. Frauen haben in der Regel inzwischen bessere Bildungsabschlüsse, sind aber trotzdem auf dem ostdeutschen Arbeitsmarkt eher benachteiligt, sagen die Forscher. Deswegen unterliegen sie einem "höheren Wanderungsdruck". Und tatsächlich zogen auch im letzten statistisch ausgewerteten Jahr, 2004, wieder 20 Prozent mehr Frauen als Männer in die alten Bundesländer.
Die Forscher schlagen für die Bundesrepublik insgesamt und im Besonderen für den Osten eine Vielzahl von Maßnahmen vor, die zwar den demographischen Trend nicht umkehren können, aber seine Folgen wenigstens abmildern und vielleicht in absehbarer Zeit wieder zu einem Ansteigen der Geburten führen könnte.
Es werde, wegen der insgesamt schrumpfenden Bevölkerung, schon bald einen gnadenlosen Kampf um die immer kleinere Zahl der gut ausgebildeten, jungen Arbeitskräfte geben. Nur wer dabei etwas zu bieten habe, könne mithalten. Ganz wichtig sei es deswegen, dass Frauen gezielt Arbeitsplätze in den neuen Ländern angeboten werden. Mit dem Mangel an qualifizierten Arbeitskräften seien Paare in absehbarer Zeit nur noch zum Umzug bereit, wenn für beide eine gute berufliche Perspektive eröffnet werde.

Ausbildung immer wichtiger
Wichtig seien insgesamt die Bildungsstandards. Immerhin liegen Teile der Lausitz dabei bundesweit ganz vorne. So ist der Anteil der Schulabgänger ohne Abschluss in Elbe-Elster, Cottbus und Spree-Neiße auch bundesweit mit am niedrigsten.
Obwohl bei der Vorstellung der Studie eine klare Tendenz erkennbar war, sich möglichst nicht in aktuelle politische Debatten einzumischen, haben die Wissenschaftler doch einige Allgemeinplätze formuliert, die zu den Tabu-Themen in Deutschlands Parlamenten gehören. So müssten die Verwaltungsstrukturen den demographischen Gegebenheiten angepasst werden, sagen sie. Dies führe dann zwangsläufig zu weiteren Gebietsreformen und dem Abbau und der Zusammenlegung von Verwaltungen.
Für die Lausitz, insbesondere für den brandenburgischen Teil, ergibt sich dabei noch eine besondere Herausforderung. Brandenburg wird nach den Prognosen insgesamt auch in den nächsten fünfzehn Jahren eine steigende Einwohnerzahl aufweisen. Die Zuwächse aber liegen ausschließlich in den Kreisen rund um Berlin. Nirgendwo sonst in Deutschland aber treffen Kreise mit sehr starkem Wachstum direkt auf Nachbarn mit den stärksten Schrumpfungsraten. Diese extrem ungleiche Entwicklung ist auch im Osten eine Besonderheit.