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Der öffentlichkeitsscheue Professor

Liebe – Joachim Sauer und Angela Merkel verbindet auch die Leidenschaft für die Oper. Seit Jahren kommen sie nach Bayreuth zur Eröffnung der Festspiele.
Liebe – Joachim Sauer und Angela Merkel verbindet auch die Leidenschaft für die Oper. Seit Jahren kommen sie nach Bayreuth zur Eröffnung der Festspiele. FOTO: dpa
Berlin. Joachim Sauer ist ein renommierter und vielfach ausgezeichneter Quantenchemiker und würde gern in Ruhe forschen. Ungünstig, wenn die Ehefrau die Kanzlerin ist. Aber der 68-Jährige hält sich fern von Merkels Welt. Kristina Dunz

Joachim Sauer steht ganz am Rand, unbemerkt von der großen Menschenmenge. Der Lärm, die vielen Leuten liegen ihm nicht, am liebsten bliebe er unerkannt. Aber dann richtet sich schon das Augenmerk auf ihn, den Ehemann der Kanzlerin, die an diesem Abend des 22. September 2013 in der CDU-Zentrale den überragenden Wahlsieg ihrer Union feiert. Angela Merkel wird bejubelt, sie bedankt sich bei ihren Mitstreitern und damit auch bei ihrem Mann. So beklatschen die Christdemokraten auch ihn begeistert, Sauer lächelt verlegen. Seine Anwesenheit wirkt wie ein Liebesdienst, denn meistens hält sich der öffentlichkeitsscheue Wissenschaftler fern von Merkels Welt.

Wenn es sich nicht vermeiden lässt, absolviert er das Programm für die Partner der Staats- und Regierungschefs bei Gipfeln. Das sind in der Regel Frauen. Aber zu keiner von Merkels bisher drei Vereidigungen als Kanzlerin ist er gekommen. Er schaut sich das lieber in Ruhe im Fernsehen an.

Der Versuch, als Journalist Kontakt mit dem Quantenchemiker aufzunehmen, scheitert schnell. Die Versicherung, dass es nicht um Politik gehen werde, nützt nichts. Höflich, aber entschlossen sagt er, dass er keine Interviews gebe. Man möge sich bitte aus bereits veröffentlichten Berichten im Internet über ihn als Wissenschaftler informieren, Danke für das Interesse. Also gut. Vielmehr schlecht. Denn das mit der Quantenchemie ist ja nicht einfach.

Das Leben des Professor Dr. Dr. h.c. Sauer ist eng verbunden mit der Chemie und der Berliner Humboldt-Universität. 1974 wurde er mit seiner Arbeit "Konsequenzen des Koopmansschen Theorems in den Restricted Hartree Fock Methoden für open-shell-Systeme" promoviert und 1985 mit einer Studie über "Quantenchemische Untersuchungen aktiver Zen tren und adsorptiver Wechselwirkungen von SiO- und Zeolithoberflächen" habilitiert. Er erforscht "Ab-initio-Berechnungen von anorganischen Clustern und theoretische Untersuchungen zur Struktur, Energetik und Dynamik heterogener Katalyseprozesse an Zeolithsystemen". So steht es jedenfalls in diesem Internet.

Sauer, der die Gruppe der Quantenchemiker der Humboldt-Universität leitet, hat Hunderte wissenschaftliche Arbeiten verfasst, in Prag und Amerika gearbeitet und wurde vielfach ausgezeichnet. Als vor zwei Jahren spekuliert wurde, dass Angela Merkel wegen ihrer Willkommenskultur für Flüchtlinge den Friedensnobelpreis bekommen könnte, gab es Bemerkungen in Wissenschaftskreisen, eher bekomme Joachim Sauer den Chemie-Nobelpreis. Barack Obama nannte ihn bei Treffen mit Merkel dem Vernehmen nach gern nur "der Professor".

Als die Kanzlerin 2011 von dem früheren US-Präsidenten in Washington mit 19 Salutschüssen geehrt wurde, hielt Sauer noch einen Vortrag in Detroit. Er kam erst, als Obama Merkel am Abend im Rosengarten des Weißen Hauses die Freiheitsmedaille verlieh, die höchste zivile Auszeichnung in den USA. Vielleicht weil Merkel und Sauer so selten gemeinsam auftreten, war die Bundeskanzlerin damals aus der Limousine ausgestiegen und allein schnurstracks auf Barack und Michelle Obama zugegangen - bis sie plötzlich innehielt und auf den um den großen schwarzen Wagen herumeilenden Professor wartete.

1998 haben sie geheiratet. Kennengelernt hatten sie sich in den 1980er-Jahren an der Berliner Akademie der Wissenschaften. Es ist für beide die zweite Ehe, Sauer hat zwei Söhne. Er ist nun 68 Jahre alt. Über seine Schwächen, Stärken, Vorlieben ist nicht viel bekannt. Am ehesten das, was Merkel über ihn sagt: "Wir reden nicht dauernd über Politik, aber er ist auch indirekt ein guter Berater." Und er erkenne viel schneller als sie den Witz in Cartoons. Er müsse ihr das dann erklären. "Das ist natürlich bitter für den, der es sofort sieht."

Humor, scharfes Denken und die Passion für die Oper eint die beiden. Auch, dass beide schon als Schüler als außerordentlich begabt galten. Sauer ist im heutigen Senftenberger Ortsteil Hosena aufgewachsen. Das Polit-Magazin "Cicero" hat einmal seinen ehemaligen Russischlehrer mit den Worten zitiert: "Der war ein Ass." Er sei an allem interessiert gewesen und habe überall geglänzt: in Naturwissenschaften, Sprachen, Algebra, Philosophie.

Dem Magazin "Humboldtkosmos" der Alexander von Humboldt-Stiftung gab Sauer 2010 ein langes, offenes Interview über seine Arbeit als Wissenschaftler in der DDR, die Wende und die Zeit danach. "Wenn man von den wirklich Überzeugten absieht, waren wir alle, die 1989 eine Stelle in der Akademie oder in der Universität innehatten, Opportunisten unterschiedlichen Grades", sagte er damals. Er wirkte froh über den Mauerfall. Im Wissenschaftsbereich seien tatsächlich blühende Landschaften im Osten entstanden. Das hatte Altkanzler Helmut Kohl (CDU), Merkels Vor-Vorgänger, versprochen.

Und noch etwas gab Sauer damals preis: "In der DDR mussten sie Kompromisse machen und sich anpassen, wenn sie eine Universität absolvieren wollten. Die Kunst war, morgens noch in den Spiegel schauen zu können." Noch Fragen? Ja, viele. Aber ein Interview mit Joachim Sauer wäre - wahrscheinlich ein Quantensprung.