Nur wenige haben ihn jemals Deutsch sprechen hören, aber er soll dies sehr wohl können und vor allem verstehen. Kerry erzählt gerne, wie er einst von seinem Vater Hausarrest dafür bekam, dass er sich zusammen mit einem Freund auf eine Fahrradtour in den von den Kommunisten beherrschten Ostteil Berlins aufmachte, obwohl ihm das streng verboten war: Der Papa hatte in den fünfziger Jahren eine bedeutende Stellung bei der damaligen US-Mission in der schon geteilten, aber noch nicht durch eine mauer zerschnittenen Stadt. Der Sohn wurde auf ein Internat in der Schweiz geschickt, war aber in den Ferien immer zuhause bei den Eltern in der deutschen Hauptstadt. Und so kann er auch darüber berichten, wie er als Passagier in einem der US-Militärzüge durch die DDR fuhr. Die Jugenderinnerungen setzt er zuweilen ein, wenn ihm Konservative zu viel Verständnis für Diktaturen unterstellen. Er wisse schließlich aus eigener Erfahrung, wie die Welt aussehe, wenn sie den Weg der demokratischen Tugenden verlassen habe. Sein väterlicher Familienzweig hat noch Einiges mehr an Erfahrungen aus dem alten Europa zu bieten. Viele seiner Vorfahren kommen aus dem untergegangenen Habsburger Reich und waren Juden. Kerry selbst hat erst spät von diesen Wurzeln erfahren, als sich Journalisten für jedes Detail seines Lebens zu erinnern begannen. Der Grund dafür war 2004 seine plötzlich enorm gewachsene Bedeutung.

Kerry ist - woran sich der eine oder andere noch erinnern mag - als Gegenkandidat zu George W. Bush aufgestellt worden und dann gescheitert. Da war er Opfer einer ziemlich schmierigen Kampagne, die seine im Grunde unzweifelhaften Verdienste als Soldat in Vietnam in Frage stellten. Er habe aufgrund seiner guten Beziehungen zu viele Orden bekommen, so der Vorwurf. Der kam ausgerechnet als dem Lager eines Präsidenten, der es seinerseits sehr geschickt vermieden hatte, in einen Kampfeinsatz geschickt zu werden. Aber so funktioniert die US-Politik nun einmal - da wird jede vermeidliche Schwäche schamlos ausgewalzt.

Mit dem neuen Außenminister begegnet uns ein Mann, der nicht nur unsere Sprache besser kennt als fast alle seiner Landsleute. Als er von dem US-Senat zu seiner zukünftigen Amtsführung befragt wurde, machte er sehr schnell deutlich, wie wichtig ihm Europa ist. Die Familie seiner Mutter hat tiefe Wurzeln in Frankreich, wo er ebenfalls oft war. Aber so viel Nähe hat eben nicht nur seine guten Seiten, er kennt neben unseren Stärken auch die Schwächen.