In Arneburg bei Stendal, eingebettet in die liebliche Kulisse des Elbvorlandes, läuft derzeit eines der gigantischsten Abrissprojekte in den neuen Bundesländern. Hier sollen in den kommenden Jahren die Bauten des größten DDR- Atomkraftwerks verschwinden. Das einstige Prestigeprojekt wurde nie fertig und endete als Milliardengrab.
Nachdem sich andere Firmen vergeblich an zwei Reaktorblöcken und anderen Ungetümen aus Stahlbeton versucht haben, rückt ihnen nun ein Unternehmen aus Malente in Schleswig-Holstein zu Leibe, das bislang Schiffe und Fabrikhallen zerlegte. „Ein Atomkraftwerk ist für uns Neuland“, sagt Juniorchef Tom Ferch, der die Arbeiten leitet. Seit gut einem Jahr arbeiten seine Männer in der Ruinenlandschaft, tragen mit schwerem Gerät 1,5 Meter dicke, in Stahl eingefasste Betonwände und drei Meter dicke Decken ab oder zerlegen mittels Diamantseilen schwere Eisenplatten. „Es ist eine mühsame Arbeit“, sagt Ferch. „15 Leute reißen ab, was 10 000 Menschen aufbauten.“

Noch Arbeit für zwei Jahre
Finanziert wird das Projekt laut Ferch allein durch den Verkauf des gewonnenen Stahls und die Wiederverwertung der zerkleinerten Betontrümmer, etwa im Straßenbau. Bis zum geplanten Abschluss in zwei Jahren will das Unternehmen 10 000 Tonnen Stahl und 120 000 Tonnen Beton gewonnen und vermarktet haben.
Nach dem Abriss sollen sich auf dem 13 Hektar großen einstigen Kraftwerksareal neue Unternehmen ansiedeln, erläutert Cornelia Lütze von der Berliner Firma „Das neue Haus“, die das Grundstück 2001 aus einer Konkursmasse übernahm. Ste hen bleiben soll dazu allein eine riesige Halle, die sich laut Lütze etwa für die Produktion von Großteilen eignet.
Schon jetzt gibt es gleich nebenan einen Industriepark mit mehr als 1500 Arbeitsplätzen, unter anderem mit einem Zellstoff- und einem Papierwerk. „Unserer Region eröffnet es neue Chancen, wenn neue Flächen für die Ansiedlung von Investoren dazukommen“, sagt der Verwaltungsleiter der Verwaltungsgemeinschaft Arneburg-Goldbeck, Eike Trumpf. Der Abriss der Reaktorblöcke sei ein wichtiger Schritt.
Die Planungen für das Kernkraftwerk Arneburg – das nach Rheinsberg im heutigen Brandenburg und Lubmin in Mecklenburg-Vorpommern das dritte in der DDR gewesen wäre – begannen in den 70er-Jahren. Vier russische Reaktoren sollten 4000 Megawatt Leistung erzeugen, womit der Atommeiler der größte in Deutschland geworden wäre. 1,4 Milliarden Mark Baukosten waren veranschlagt.

Stasi überwachte Bau
Das erste Reaktorgebäude entstand von 1982, das zweite von 1984 an. Tausende Arbeiter waren daneben mit dem Bau von mehr als einem Dutzend Verwaltungs- und Technikgebäuden sowie mächtigen Kühltürmen beschäftigt. Sie waren streng überwacht von der Staatssicherheit, die sich Protesten von Umweltgruppen gegenübersah und auf der mit Stacheldraht und Wachtürmen gesicherten Baustelle Sabotage befürchtete. Im nahen Stendal wurde für die Arbeiter extra ein neues Wohngebiet errichtet.
Nach Wende und deutscher Einheit wurde das Atomprojekt 1991 wegen Sicherheitsbedenken gestoppt, noch ehe der erste Reaktor in Betrieb gehen konnte. Einer der massiven Reaktorblöcke war zu diesem Zeitpunkt – nach fast zehn Jahren Bauzeit – zu 85 Prozent vollendet, vom zweiten standen 15 Prozent. Drei 150 Meter hohe Kühltürme wurden 1994 und 1999 gesprengt, nun nehmen sich die Abrisstrupps den Kernbereich des geplanten Atommeilers vor.
„Wir können hier eine Menge lernen“, sagt Ferch. Seine Firma hofft mit Blick auf den beschlossenen Atomausstieg in Deutschland, nach dem Referenzobjekt Arneburg künftig auch anderswo einen so gigantischen Abrissauftrag zu ergattern.