Die Bilder sahen zu schön aus, um wahr zu sein: Ein Wolf streift über wildwuchernde Lausitzer Wiesen. Im Hintergrund spuckt das Kraftwerk Boxberg Wasserdampf aus den überdimensionalen Schornsteinen. Die Erzählstimme berichtet vom Kohleabbau und renaturierten Flächen in der Oberlausitz, wo sich viel Wild tummelt. "Das ist das Einzige, was für den Wolf zählt. Hier findet er optimale Bedingungen." Allerdings offenbar nicht optimal genug für Tierfilmer Andreas Kieling. Denn die drei vermeintlichen Wölfe, die bei hellem Tageslicht über die Wiesen streifen, sind Hunde. NABU-Wolfsexperte Markus Bathen: "Die Tiere waren slowakische Wolfshunde, die dem Wolf nur ähneln. Die sichelförmige Schwanzhaltung und Proportionen sind anders. Die Tiere waren außerdem dressiert."

Aufnahmen in Sachsen-Anhalt

Das bestätigt Klaus Puffer, Forstbeamter und Wolfsbeauftragter für den Truppenübungsplatz Altengrabow in Sachsen-Anhalt. Dort wurden nach Puffers Angaben einige der angeblich in der Lausitz gedrehten Aufnahmen gemacht: "Auf dem Truppenübungsplatz Altmark tauchte Herr Kieling im Oktober 2011 bei der Bundeswehr mit drei slowakischen Wolfshunden auf und drehte dort die Filmaufnahmen der "Wilden Wölfe" bei einem vorbeifahrenden Militärkonvoi."

In der Folge sieht der Zuschauer den Filmemacher ganz dicht an einem jungen Wolfsrudel drehen. Kieling erzählt, dass in "Deutschland wieder kleine Wölfe in freier Wildbahn aufwachsen". Auch dies stimmte in dem Fall nicht: Das ZDF räumte am Wochenende auf RUNDSCHAU-Nachfrage ein, dass die Jung-Wölfe in einem Gehege aufgenommen wurden. Und dass bei den weiteren Dreharbeiten "Wolfshybriden" im Einsatz waren. Anders wäre Kieling wahrscheinlich auch nicht so nahe an die Tiere herangekommen. Für Dreharbeiten direkt am Bau ist laut Markus Bathen eine spezielle Drehgenehmigung nötig: "Wenn Störungen zu erwarten sind, müssen Aufnahmen laut dem Naturschutzgesetz angemeldet werden." Sebastian Koerner vom Wildbiologischen Büro Lupus in Spreewitz (Kreis Bautzen) und selbst Naturfilmer bestätigt das: "Diese Ausnahmegenehmigungen werden aber sowohl in Sachsen als auch in Brandenburg nur sehr begrenzt vergeben. Hätte Kieling eine entsprechende Erlaubnis erhalten, wäre das Wildbiologische Büro hundertprozentig informiert worden", erklärt Koerner.

Kieling selbst verteidigte am Wochenende sein Vorgehen. Der Wolf sei sehr scheu und nachtaktiv. Aufnahmen wären somit nur mit Infrarot- oder Nachtsichtgeräten möglich. "Mir war ganz wichtig, dass wir vom Wolf ein positives Bild zeigen. Dieses Bild erzeuge ich aber nicht, indem ich verkrisselte und nebulöse Stephen-King-artige Phantombilder von Infrarotkameras zeige. Dadurch erzeuge ich erst dieses Unbehagen gegen über dem Wolf. Mit den gestochen scharfen Bildern werbe ich letztendlich aber für den Wolf. Wir haben diskutiert, ob man die Aufnahmen hätten im Abspann kennzeichen sollen. Aber wir wollten sie dadurch nicht entzaubern", sagt Kieling in einem am Sonntag veröffentlichten Video auf seiner Interseite.

Der Einsatz von dressierten Tieren ist laut Wolfs-Experte Bathen im Tierfilm durchaus üblich. "Das ist das große Dilemma des Naturfilmes: Sie müssen immer exzentrischer werden. Bei der BBC ist es inzwischen aber üblich, dass im Abspann gekennzeichnet werden muss, welche Szenen inszeniert waren." Ähnliches will jetzt auch das ZDF einführen. Alexander Hesse, Leiter der Redaktion Geschichte und Gesellschaft, sagt der RUNDSCHAU: "Ohne Wenn und Aber: Die Szenen hätten kenntlich gemacht werden müssen. Wir werden in Zukunft dafür Sorge tragen, und die Sensibilität bei allen Beteiligten schärfen."

Nachgestellte Szenen schaden

NABU-Experte Bathen hofft, dass der Wirbel um den Film dem Wolf nicht schadet: "Naturfilmen stehen wir generell sehr positiv gegenüber, weil sie die Tiere den Menschen näher bringen. Der Wolf ist aber sehr umstritten. In der Oberlausitz gibt es zum Beispiel immer wieder Gerüchte, dass die Tiere nur von der Roten Armee zurückgelassene Wachhunde sind. Per genetischer Analyse konnten wir aber definitiv nachweisen, dass es eingewanderte Wölfe sind. Diese nachgestellten Szenen mit Wolfshunden schaden der Diskussion."

Massiv verärgert ist auch Sebastian Koerner vom Lupus-Büro: "Für meinen eigenen Streifen war ich Hunderte Male in der Lausitzer Natur unterwegs, und andere fahren mal eben mit dem Hundetransporter vor."