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| 13:58 Uhr

Der Meister des Zweifels

Der umstrittene Schweizer Historiker Daniele Ganser in Cottbus.
Der umstrittene Schweizer Historiker Daniele Ganser in Cottbus. FOTO: Simone Wendler
Cottbus. Der umstrittene Historiker Daniele Ganser hat am Freitagabend im Cottbuser Weltspiegel referiert. Es wurde ein Streifzug durch die amerikanische Politik, die Anexion der Halbinsel Krim und den Terroranschlag auf das World Trade Center. Mit einfachen Sätzen entwirft er gewagte Thesen. Simone Wendler

"Wir hätten glatt noch einhundert Karten mehr verkaufen können", sagt Günter Knothe, einer der Organisatoren von der "Friedenskoordination Cottbus", die den Abend im Cottbuser Kino "Weltspiegel" organisiert hat. Bis auf den letzten Platz ist das Kino am Freitagabend besetzt. Für achtzehn Euro Eintritt gibt es jedoch keinen Film, sondern einen ungewöhnlichen Vortrag. Daniele Ganser, umstrittener Historiker aus der Schweiz, der sich als "Friedensforscher" bezeichnet, spricht zweieinhalb Stunden über "Frieden und Energiepolitik".

Schon vorher werden seine drei Bücher im Foyer verkauft. Ganser signiert, begrüßt die auf ein Autogramm Wartenden mit Handschlag. Die meisten der Besucher kennen Ganser längst aus dem Internet. Von Seiten wie der des rechtsesoterischen Kopp-Verlages, des russischen Propagandakanals RT deutsch oder des Compact-Magazins von Jürgen Elsässer, einer beliebten Plattform für Neurechte, Pediga-Fans und Anhänger von Verschwörungstheorien.

"Er bringt das so volksnah rüber, das ist das Schöne", erklärt Werner Kobbe, Rentner aus Cottbus, warum er dem Schweizer gern zuhört. Bisher bei Vorträgen im Internet, mit denen Ganser ein großes Publikum erreicht, jetzt live. Der Auftritt des Historikers in Cottbus wird ebenfalls komplett gefilmt und, so die Ankündigung, ins Netz gestellt.

Auch für Ulrich Vater und Roland Melcher aus dem Spree-Neiße-Kreis ist Ganser kein Unbekannter. Sie bekennen, dass sie viele Meinungen der AfD teilen. Dass zu dem Vortrag des Schweizers auch viele Linke kommen, überrascht sie nicht: "Vielleicht können die rechten und die linken Strömungen mit der Mitte nichts mehr anfangen."

Ganser enttäuscht seine Fans in der Lausitz nicht. "Der erste Krieg von Präsident Donald Trump" hat er die Überschrift seines ersten Schaubildes nach dem Abschuss amerikanischer Raketen auf einen syrischen Militärstützpunkt wenige Stunden vorher aktualisiert. Dann beginnt ein munteres Hin- und Herspringen zwischen Ereignissen, Themen und Zitaten, sodass am Ende kaum noch auffällt, was dabei fehlt: Dokumente, erwiesene Tatsachen, harte Fakten.

Das ist auch nicht Gansers Prinzip. Er ist ein Meister des Zweifels. Groß, schlank, offener Hemdkragen. Er spricht frei ohne Manuskript, doziert nicht, sondern plaudert. Mit einfachen Sätzen entwirft er seine gewagten Thesen. Gelegentlich mischt er einen Scherz ein, erzählt vom Hauskauf mit seiner Frau.

Das Weltbild, welches Ganser dabei entwirft, geht so: Die USA, die er "das Imperium" nennt, führten seit Jahrzehnten "Erdölbeutekriege". Dafür stürzten sie Regierungen, inszenierten Verbrechen und üble Kriegspropaganda, die von den meisten Medien kritiklos als "Krieg gegen den Terror" übernommen werde.

In Deutschland werde Hass gegen Russland geschürt, die NATO sei ein aggressives Angriffsbündnis, das Russland einkreise. Die Meidan-Bewegung in der Ukraine bezeichnet Ganser als Putsch, natürlich von den USA organisiert. Putin habe sich dann die Krim "gesichert". Die Abstimmung dort sei zwar nicht fair gewesen, weil schon Soldaten anwesend waren, aber vorher gab es ja den Putsch. Schon ist der Historiker fertig mit der der Anexion der Halbinsel.

Nach eineinhalb Stunden ist er dann bei einem seiner Lieblingsthemen, dem islamistischen Terror-Anschlag auf das World Trade Center in New York am 11. September 2001. Für Ganser ist dabei längst nicht sicher, ob das wirklich ein Terror-Anschlag war, oder die US-Regierung nicht selbstbeteiligt war, um einen Vorwand für den Krieg in Afghanistan zu erzeugen.

Doch Ganser legt sich auch hier nicht fest. Er schürt nur Zweifel und Verdacht: "Wir müssen das klären, das ist strittig." Dann zeigt er eine Reihe von Zitaten, in denen behauptet wird, das Nebengebäude WTC 7 sei nicht eingestürzt, sondern gesprengt worden. Zu den Zwillingstürmen will er sich auf Nachfrage nicht äußern. Er habe sich nur mit WTC 7 beschäftigt.

Über einen kurzen Abstecher nach Syrien, wo Krieg angeblich nur wegen eines alten gescheiterten Pipelineplans von Katar geführt wird, kommt Ganser dann auch noch zu den Terroranschlägen in Europa. "Man sagt", beginnt er vieldeutig seinen Exkurs über den Anschlag von Anis Amri auf den Berliner Weihnachtsmarkt. Darüber, dass Amris Pass in dem Laster gefunden wurde, sollten die Zuhörer mal nachdenken. Bei dem Anschlag auf das französische Satiremagazin Charlie Hebdo sei ja auch der Pass eines angeblichen Täters gefunden worden.

Ganser behauptet nicht, dass westliche Geheimdienste das alles inszeniert haben könnten. Er erweckt nur den Eindruck, schürt den Verdacht. Die Vielzahl von ermittelten Fakten zu den Attentätern bis hin zum Bekennervideo von Amri, in dem er den Anschlag ankündigt, erwähnt er mit keinem Wort.

Seine Zuhörer scheinen das auch nicht zu vermissen. Sie spenden ihm lange stehenden Applaus. Danach gehen der Buchverkauf und das Signieren im Foyer weiter.