Als Josef Rüddel Bürgermeister wurde, hieß der Bundeskanzler Konrad Adenauer. Heute ist es Angela Merkel. Das Bundeskanzleramt steht in Berlin, nicht mehr in Bonn. Deutschland ist wiedervereinigt, aus der D-Mark wurde der Euro. Nur eines hat sich nicht geändert: Josef Rüddel ist immer noch Ortsbürgermeister von Windhagen. Einer 4200 Einwohner zählenden Ortsgemeinde im rheinland-pfälzischen Landkreis Neuwied, nur wenige Kilometer entfernt von Rhöndorf, dem einstigen Wohnort Adenauers.

"Bürgermeister Josef Rüddel" steht auf dem metallenen Türschild an dem großzügigen, etwas außerhalb des Dorfes gelegenen Gehöft. Denn so ist es: Josef Rüddel ist der Bürgermeister, etwas anderes haben die meisten Menschen in Windhagen gar nicht mehr erlebt.

"Wie ich anjefangen habe, dat war 1963", sagt Rüddel in breitem rheinischen Dialekt. "Das ist schon lange Zeit her." Damals lebte auch sein Vorgänger noch. "Aber heute jibt et nit mehr viel Leute in Windhagen, die meinen Vorgänger kennen oder gekannt haben."

Weil der erste Bundeskanzler ganz in der Nähe von Windhagen residierte, "war es natürlich angebracht, dass man in der CDU war, wenn man was bewegen wollte", erinnert sich Rüddel an alte Zeiten. "Ich habe Adenauer auch selbst kennengelernt: Weil ich Landwirt war, hab' ich dem etliche Jahre gute Kartoffeln gebracht."

Und während die Kanzler kamen und gingen, war es in Windhagen, für Josef Rüddel, "nie ein Problem", wiedergewählt zu werden. 2014, als er nach mehr als 50 Jahren Amtszeit das vorerst letzte Mal auf dem Stimmzettel stand, wählten ihn immerhin noch 62 Prozent der Wahlberechtigten. Früher kam er sogar auf Ergebnisse über 80 Prozent.

Warum er so erfolgreich ist? "Ich habe eine Zeit erlebt, da waren wir so arm wie eine Kirchenmaus", sagt Rüddel. "Wir hatten gar nichts." Der Bürgermeister hat Windhagen zu dem gemacht, was es heute ist. Eine prosperierende Gemeinde mit einem Gewerbesteueraufkommen von rund 20 Millionen Euro.

Vor vielen Jahren ließ Rüddel die ersten Straßen in Windhagen teeren. Doch an seinem eigentlichen Erfolg ist eine andere Straße schuld, die Autobahn 3. Sie verläuft in unmittelbarer Nähe von Windhagen.

Nur drei Kilometer vom Ort entfernt ist die Anschlussstelle Bad Honnef. "Wir haben die Gelegenheit genutzt und dafür gesorgt, dass die Leute nicht erst woanders hin zur Arbeit müssen", sagt Rüddel. "Es war immer mein Streben, dass die Leute im Dorf bleiben können." Unternehmensansiedlungen hatten für den Bürgermeister stets höchste Priorität. Agfa war die erste Firma, die sich in Windhagen niederließ. Viele weitere folgten. Heute ist es besonders der Baumaschinenhersteller Wirtgen, der Windhagen in aller Welt bekannt gemacht hat. "Der Reinhard Wirtgen, der saß hier an diesem Tisch schon als junger Mann. Und dann haben wir die Dinge festgemacht, dass die Firma hier in Windhagen gegründet werden sollte", sagt Rüddel. "Und das hat sich bewiesen - heute ist die Firma Wirtgen eine der wichtigsten der Region." Dass andere Gemeinden entlang der Autobahn mit der Ansiedlung von Unternehmen weniger erfolgreich waren, versteht der Bürgermeister bis heute nicht.

Während Rüddel erzählt, klingelt das Telefon. Seine Ehefrau Margarethe hebt den Hörer ab. Zuvor hatte sie Kaffee und selbstgebackene Plätzchen gebracht. Bürgermeister zu sein, ist in Windhagen Teamarbeit. Auch Rüddels Sohn hat es in die Politik gezogen: Seit 2009 gehört er für die CDU dem Deutschen Bundestag an. "Es ist immer alles wichtig", sagt Rüddel. "Die Leute rufen an, und dann wird überlegt, wie man die Sorgen wegkriegt."

Manchmal telefoniert er schon vor dem Frühstück mit Einwohnern. Und oft fährt er selber hin, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Die Straßenbeleuchtung, die Kindertagesstätten, der Friedhof. In Windhagen hat der Ortsbürgermeister immer gut zu tun. Zum Beispiel, wenn im Kindergarten das Wasser nicht läuft oder der Friedhof um ein neues Urnengrabfeld erweitert werden soll. Und natürlich müssen auch Geburtstagsbesuche absolviert werden - etwa bei einer Einwohnerin, die in diesem Jahr noch 100 Jahre alt wird. "Da komm' ich dann als junger Mann."

Was er anderen Bürgermeistern rät? "Ich kann allen Gemeinden nur einen Rat geben", sagt Rüddel. "Je öfter ein Bürgermeister gewechselt wird. . . Es dauert lange, bis er sich in das Geschehen eines Bürgermeisteramtes eingelebt hat." Wichtig sei es, an der richtigen Stelle Kompromisse zu machen. "Es bleiben immer Wünsche offen, und es wäre auch nicht normal, wenn alles so funktioniert wie am Fließband", sagt Rüddel. Ein guter Bürgermeister müsse organisieren können und alles satzungs- und mehrheitsmäßig "unter einen Hut kriegen". Er müsse "nach allen Seiten offen und ehrlich sein", sagt Rüddel. "Die Andersdenkenden und unsere eigenen Leute muss man mitnehmen, man muss zuhören können und erst danach reagieren." Er selbst habe die Gemeinde Windhagen so aufgebaut, dass die Menschen im Ort "zufrieden sein können". "Wir haben moderate Hebesätze hier in Windhagen - wir fordern die Leute nicht auf, mehr zu zahlen", sagt Rüddel.

"Mein Prinzip ist es, alles so zu halten, dass es vernünftig zugeht." Auch die übrigen Gebühren in der Gemeinde hielten sich in Grenzen. Denn durch das hohe Gewerbesteueraufkommen sei man in Windhagen viel bessergestellt als in anderen Gemeinden.

"Mir liegt die Gemeinde Windhagen sehr am Herzen", fasst Rüddel zusammen. Reflexartig legt er seine rechte Hand beim Reden auf sein Herz. Und während in Berlin die Wahlperiode von Angela Merkel (CDU) im Herbst zu Ende geht, bleibt Rüddel noch zweieinhalb Jahre im Amt. "Wenn man so ein Amt angefangen hat, muss man den Mut haben, es auch zu Ende zu bringen", sagt Josef Rüddel.

Und dann? "Dann gibbet den schönen Ausdruck ,Schaun mer mal', den man immer im Fernsehen hört . . ." Und vielleicht gibt es ja irgendwann den ersten 100-jährigen Ortsbürgermeister in Deutschland. Vorstellbar jedenfalls ist das eher als ein Windhagen ohne Josef Rüddel.