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| 12:56 Uhr

Der "Maden-Doktor" und Hitlers Schädel

Dr. Mark Benecke im Gebäude des ehemaligen Sowjet-Geheimdienstes KGB. Hier untersuchte der Kriminalbiologe Hitlers Gebiss.
Dr. Mark Benecke im Gebäude des ehemaligen Sowjet-Geheimdienstes KGB. Hier untersuchte der Kriminalbiologe Hitlers Gebiss. FOTO: National Geographic Channel
Deutschlands renommiertester Kriminalbiologe, Dr. Mark Benecke, ist am Samstag Gast bei der Abschlussveranstaltung der X. Rohkunstbauausstellung im Schloss Groß Leuthen (Landkreis Dahme-Spree). Dort erzählt der 32-Jährige von seiner Reise nach Moskau, wo er das letzte Geheimnis um Hitlers Tod lüften wollte. Was es damit auf sich hat, was das mit Kunst zu tun hat und mehr, verriet er im Rundschau-Gespräch.

Herr Dr. Benecke, was verbirgt sich hinter dem letzten Geheimnis um Hitlers Tod,
das Sie in Moskau lüften wollten?
Ich bin mit einem Fernsehteam des US-amerikanischen Senders National Geographic TV nach Moskau geflogen, um im Staatsarchiv Hitlers mutmaßliche Schädeldecke und im Gebäude des ehemaligen Sowjet-Geheimdienstes KGB sein Gebiss zu untersuchen. Dahinter stand die Frage, ob sich Hitler im Führerbunker vergiftet oder erschossen hat. Es gibt ja diese populäre, von Stalin verbreitete Theorie, Hitler habe sich mit einer Zyankali-Glaskapsel vergiftet.

Konnten Sie das Rätsel lösen? Ich finde, wir sind der Sache ganz gut näher gekommen. Man kann jedoch auch jetzt nicht eindeutig widerlegen, dass sich Hitler vergiftet hat.

Was genau haben Ihre Untersuchungen denn ergeben? Es gibt mittlerweile keine Möglichkeit mehr, Splitter von einer eventuell eingenommenen Zyankali-Glaskapsel an den Zähnen nachzuweisen. Das heißt natürlich nicht, dass sich Hitler nicht trotzdem vergiftet hat, denn wir haben mal recherchiert, wie viele Leute das Gebiss in der Hand hatten, und das sind unglaublich viele. Außerdem gibt es das Schädelfragment mit dem Loch, das eindeutig die Austrittsstelle einer Kugel ist. Bleibt die Frage offen, ob das wirklich Hitlers Schädel ist – ich habe dabei auf die Angaben von Ex-KGB-Mitarbeitern vertrauen müssen. Doch warum liegt der
Schädel überhaupt im Staatsarchiv, während die Zähne beim KGB liegen? Der Schädel ist vom KGB selbst ins Staatsarchiv gebracht worden. Aber warum gibt der Geheimdienst ein Beweisstück heraus, das die Vergiftungstheorie widerlegt, wenn eigentlich klar ist, dass es irgendwann mal auftaucht? Andererseits wäre es schwierig gewesen, alle Details so zu verfälschen, dass das Schädelstück echt aussehen würde. Wenn ich alles zusammennehme, glaube ich eher an eine politische Strategie der Sowjets, die seinerzeit die Gifttheorie propagiert haben, um zu suggerieren, Hitler war zu feige, den ehrenhaften Offizierstod durch Erschießen zu sterben. Meine Vermutung ist, dass man nach Stalins Tod davon abkam.

Während Ihres Aufenthaltes in Moskau waren Sie auch im Lenin-Mausoleum. Wie haben Sie die
Begegnung mit Lenin empfunden?
Das war wirklich beeindruckend. Zuerst einmal finde ich, dass das
Mausoleum eine wahre Perle sozialistischer Architektur ist. Besonders eindrucksvoll war, dass man
förmlich riechen kann, dass das dort der echte Lenin ist. Es wird ja immer wieder behauptet, das sei eine
Wachsfigur. Aber gleich als die Tür zum Mausoleum aufging, habe ich diesen typischen
Leichen-Konservierungsmittel-Geruch wahrgenommen. Ich bin mir ganz sicher, dass es der echte Lenin
ist, der da aufgebahrt liegt.

Warum werden Sie ausgerechnet im Rahmen einer Kunstausstellung über Ihre Erlebnisse während dieser
Forschungsreise berichten? Wie passen denn Wissenschaft und Kunst zusammen?
Zumindest hat derselbe Regisseur, der jetzt auch bei der Veranstaltung in Groß Leuthen die Fäden in der Hand hält, schon ein Stück auf die Bühne gebracht, das von mir handelt: davon, wie mich Medien darstellen und von meiner normalen Arbeit mit Insekten auf Leichen. Allerdings habe ich das Stück wirklich überhaupt nicht verstanden. Es gibt einen unglaublichen Graben zwischen Naturwissenschaften und anderen Wissenschaften. Bei uns versucht man immer, unter kontrollierten Labor-Bedingungen systematisch zu arbeiten. Nur das kann zu einem Ergebnis führen, das eine Vorhersage, die allgemein gültig ist, erlaubt. Bei allen anderen Wissenschaften, wie auch der Kunstwissenschaft, geht das nicht. Da kann man nie allgemein gültige Vorhersagen treffen. Das ist aber auch gar nicht nötig.

Was genau erwartet die Besucher bei der Veranstaltung? Ich habe viele interessante und merkwürdige Fotos gemacht, die ich natürlich alle mitbringen werde. Das Besondere ist ja, dass es das erste Mal war, dass sich jemand mit kriminalistischem Handwerkszeug Hitlers Überresten nähern durfte und sogar Aufnahmen davon machen konnte. Alleine hätte ich das nicht geschafft, das haben schon einige Kollegen vor mir versucht. Das war nur möglich, weil ich das im Auftrag des Fernsehsenders gemacht habe und sich ein Dutzend Leute um die gesamte Organisation gekümmert haben.

Der Fall Pastor Klaus Geyer machte Sie 1997 in der ganzen Republik bekannt. In dem Indizienprozess wurde der Pastor wegen Totschlags an seiner Frau zu acht Jahren Haft verurteilt. Sie waren als Gutachter am Prozess beteiligt und gaben ein Interview nach dem anderen. Wollen Sie darüber überhaupt noch reden? Nein, das ist doch langweilig. Der Fall war ein gefundenes Fressen für die Medien, ein echter "Sex & Crime"-Fall. Aber eigentlich eher unspannend. Als wirklich interessant entpuppen sich komischerweise meistens die Fälle, die auf den ersten Blick langweilig wirken.

Und wie steht es mit den skurrilen Geschichten? Sie sind beispielsweise als Gutachter in der "Maden-Affäre" nach Brandenburg bestellt worden. Ja, das war wirklich eine lustige Geschichte. Im Sommer vor zwei Jahren trafen sich 5000 Motorradrocker bei einem Bikertreffen in Luckau. Die brandenburgische Polizei bat das Land Baden-Württemberg damals um Unterstützung, weil nicht genügend Beamte im Dienst waren. Die Einsatzkräfte wurden aus der Polizei-Kantine versorgt. Die Wessis nörgelten ständig über das angeblich schlechte Essen. Am letzten Tag wollten die Brandenburger ihren "Gästen" etwas Besonderes servieren. Deshalb wurde der örtliche Metzger beauftragt, Soljanka zu kochen. Dann geschah es. Auf dem Löffel eines Wessi-Polizisten fanden sich zwei angebliche Maden. Der Fall eskalierte,
ging durch die Presse. Am Ende wollte das Land Baden-Württemberg Brandenburg sogar verklagen. Deshalb wurde der "Maden-Doktor" gerufen, und siehe da, die Sache löste sich in Wohlgefallen auf. Bei den angeblichen Maden handelte es sich nämlich in Wahrheit um Raupen, und die können durchaus von einem Strauch in die Soljanka gefallen sein.


Was beeindruckt Sie bei Ihren Ermittlungen am meisten? Die Spuren am Tatort und die Verhandlungen vor Gericht. Es ist sehr interessant, Mördern, die – mal angenommen – ihre Frau und das gemeinsame Kind umgebracht haben, zuzuhören, wenn sie ihre Geschichte erzählen. Beeindruckend ist es auch, zu beobachten, wie die Angehörigen der Opfer auf den Täter reagieren.

Sie geben weltweit Kurse, halten Vorlesungen, haben viele Fachbücher geschrieben, sind Träger der Ehrenkriminalmarke des Bundes Deutscher Kriminalbeamter und sind als Kriminalbiologe international gefragt. Wie erlangt man in so jungen Jahren ein solches Ansehen? Ich denke, das liegt daran, dass kein anderer meinen Job macht. Oder kaum jemand. Es hat nichts damit zu tun, dass ich sehr intelligent wäre. Das bin ich nämlich nicht.
Hat jemand wie Sie, der sich ständig mit dem Tod beschäftigt, Angst vorm Sterben? Nein, überhaupt nicht. Der Tod gehört einfach zum Leben.

Mit Dr. MARK BENECKE sprach Harriet Stürmer