Fast ausverkauft das Cottbuser Staatstheater, bis in den zweiten Rang hinauf drängten die Menschen, um vielleicht einen kleinen Blick werfen zu können auf ihre Zukunft und das, was ihre Kinder und Kindeskinder einmal erwartet.
Eine Veranstaltung von der RUNDSCHAU und dem Brandenburgischen Literaturbüro hatte Platzeck und Schirrmacher gemeinsam aufs Podium gebracht, um diesen Blick in die Zukunft zu ermöglichen. Klar und unabwendbar, was der Buchautor für den Osten Deutschlands, für das Saarland und Teile Bayerns prognostiziert: „Weite Landstriche werden sich entvölkern, ganze Gebiete zurückfallen an die Natur.“ Ein Szenario, das aus einer so noch nie dagewesenen Entwicklung resultiert: „Die Bevölkerung schrumpft. Männer und Frauen, heute um die 40 Jahre, werden als erste Generation der Menschheitsgeschichte in einer Welt leben, in der mehr Menschen alt als jung sind.“ Diese Entwicklung ist unumkehrbar - weder durch eine enorme Zuwanderung noch durch ein rasantes Ansteigen der Geburtenrate wäre sie zu verhindern. „Denn“ , so Schirrmacher, „die Frauen, die die dafür notwendigen Kinder zur Welt bringen könnten, wurden selbst nie geboren.“ Gedanken, die man zweimal denken muss, bis sie verständlich werden. Die aber den Alltag in den ländlichen Gebieten Sachsens und Brandenburgs schon heute massiv beeinflussen.
Abriss von ganzen Wohnvierteln, Schulschließungen, Infrastruktur-Probleme. Matthias Platzeck: „Neben den Folgen der Globalisierung, den leerer werdenden Kassen wird das der bestimmende Problemkreis der nächsten Jahre sein. Die Menschen, die heute bei uns arbeitslos sind, werden nicht diejenigen sein, die den Fachkräftemangel kommender Jahre auffangen können. Firmen werden sich um jeden Lehrling drängen, qualifizierte Mitarbeiter suchen - und wenn sie die nicht finden, abwandern.“ Um auf diese paradoxe Problemlage zu reagieren, hat Brandenburg schon heute seine Förderpolitik umgestellt, setzt - unter Protest der ländlichen Kreise - auf Zukunftsbranchen und konzentrierte Wachstumskerne. „Wenn wir immer weniger Geld zu verteilen haben, können wir nicht mehr jeden unterstützen.“ Heißt schon heute in der Realität: Während Schulen in dünn besiedelten Regionen geschlossen werden, sind im Speckgürtel um Potsdam und Berlin Neubauten in Planung. Und die, die dennoch auf gute Bildung auch in den Randbereichen hoffen, müssen weite Wege in Kauf nehmen. „Für eine gute Schule“ , so Platzeck, „fahre ich auch 30 Kilometer. Mit einer schlechteren Kleinschule vor der Haustür ist niemandem gedient.“
An diesem Punkt wollte Schirrmacher widersprechen - Bildungsqualität sei auch in überschaubaren Strukturen zu verwirklichen, überhaupt das entscheidende Potenzial und künftig nur mit mehr ehrenamtlichem Engagement zu erreichen. „Wenn beispielsweise pensionierte Lehrer Migrantenkindern Deutsch beibringen.“
Sein Tipp an Platzeck traf nicht ganz, da, so der Ministerpräsident, „der gefühlte Ausländeranteil bei uns zwar 50 Prozent ist, tatsächlich aber deutlich unter fünf Prozent liegt.“ Bei der Bedeutung von Bildung allerdings waren sich Theoretiker und Praktiker einig. Platzeck: „Wir haben heute das Problem, dass immer mehr Sechsjährige überhaupt nicht schulreif sind. Und dabei können wir es uns überhaupt nicht mehr leisten, auch nur ein einziges Kind aus dem Bildungssystem herausfallen zu lassen.“ Mehr Förderung, auch mehr Kontrolle sei nötig, um die „Ressource Mensch“ optimal zu nutzen. Zustimmung bei dem westdeutschen Schirrmacher, Neugier bei ihm auch über Projekte wie den Bürgerbus oder die Poliklinik. Nur bei einer Frage konnten sich der Macher und der Denker nicht einig werden: Immer wieder fragte Frank Schirrmacher, wann denn die Politik endlich anfinge, den Menschen die Wahrheit über die Rente zu sagen. „Die müssen doch langsam wissen, dass sie in Zukunft nicht mal mit Sozialhilfeniveau rechnen können.“
Platzeck blieb eine Antwort schuldig. Vielleicht kann man statt seiner Steffen Reiche (SPD) zitieren. Vor etwa einem Jahr wurde der frühere Brandenburger Bildungsminister und jetzige Bundestagsabgeordnete von Schirrmacher ebenfalls auf die Rentenfrage angesprochen. Seine Antwort damals: „Gegen das demografische Problem ist Hartz IV nur ein winziges Reförmchen - woher soll die Politik die Kraft nehmen, das zu stemmen?“
Statt aber nur die Probleme der Sozialversicherung im Auge zu behalten, statt sich nur um Fachkräftemangel - rund 100 000 im nächsten Jahrzehnt - und sinkende Steuereinnahmen (jährlich je 400 Millionen Euro für Sachsen und Brandenburg) zu sorgen, wollte der Politiker auch die positiven Aspekte ins Blickfeld rücken. „Seit Jahrzehnten sehnt sich die Menschheit danach, ein Leben in Gesundheit zu ermöglichen. Jetzt haben wir es geschafft. Gesund wie nie, mit der höchsten Lebenserwartung aller Zeiten. Das sollte man doch auch mal mit Fröhlichkeit betrachten - eine unglaubliche Chance auf ein ganz neues Lebensgefühl.“