Sein Büro in Berlin ist größer als das seiner Fraktionskollegen, als einziges hat es einen roten Teppich, und ein klein wenig erfreut sich Wolfgang Neškovic´ am Neid derer, die es nicht ganz so weit gebracht haben. Denn der Weg, den er zurücklegen musste, um im Reichstag für die Lausitz sprechen zu dürfen, war kurvenreich und lang.

Neškovic, 61, ist serbischer Abstammung, sein Vater war Offizier der jugoslawischen Armee, und als die Familie nach dessen Kriegsgefangenschaft in Lübeck strandete, wurde der kleine Wolfgang gern schon mal als „Russenjunge“ beschimpft.

Richter in unruhigen Zeiten

„Mein Vater war ein toller Mann“, sagt Neškovic heute, und dass er miterleben musste, wie dieser Mann – und er selbst – diskriminiert und herabgewürdigt wurde, habe ihn tief geprägt. Ebenso prägend sei die Erfahrung gewesen, als Arbeiterkind nur schwer einen Zugang zu Bildung, zu Büchern und Wissen bekommen zu können. Es ist dieses „trotzdem“, dass man ihm bis heute anmerkt. „Trotzdem“ das Abitur gemacht zu haben, „trotzdem“ ein hervorragender Schüler und Student gewesen zu sein, „trotzdem“ später als Richter national und international für Furore gesorgt zu haben.

Die Entscheidung für diesen Beruf allerdings fiel auf ungewöhnliche Weise: Zur Juristerei brachte den jungen Mann ein Film: „Die zwölf Geschworenen“ mit Henry Fonda. Ein Justizkrimi, bei dem ein unnachgiebiger Geschworener durch scheinbar einfache Fragen einen Fall völlig zum Kippen bringt.

Dann, nach ersten Jahren als Anwalt, stand die Entscheidung, in eine Kanzlei in Schleswig einzutreten oder in Lübeck Richter zu werden. „Ich warf eine Münze“, erzählt der Politiker lächelnd, und er beugte sich tatsächlich dem Zufallsurteil. Wurde Richter in politisch unruhigen Zeiten. Riskierte Disziplinarverfahren, indem er sich öffentlich gegen Raketenstationierungen in Westdeutschland positionierte, gründete eine linksliberale Richtervereinigung und wurde Landesvorsitzender der AG Sozialdemokratischer Juristen.

1994 verließ er die Partei im Zorn – er war empört über Asylpolitik und Lauschangriff, vor allem über sich andeutende Auslandseinsätze der Bundeswehr. Also nächster Versuch bei den Grünen. Landesvorsitzender der AG Grüner Richter, großes Engagement in der schleswig-holsteinischen Landespolitik, dann der Kosovo-Krieg. „Keine Stimme den Kriegsparteien“ forderte Neškovic´, bekam dafür ein Parteiausschlussverfahren, das mit einem Vergleich endete und den Juristen dazu brachte, dass er „erst mal die Nase voll hatte“ von Politik.

Der zweifache Vater wurde an den Bundesgerichtshof nach Karlsruhe gewählt und hielt engen Kontakt zu einem Freund, den er irgendwann irgendwo auf politischer Bühne kennengelernt hatte: Gregor Gysi. In seine Partei, die damalige PDS, wollte der inzwischen skeptisch gewordene Mann nicht eintreten, doch alles, was mit dem Osten und linker Politik zusammenhing, interessierte ihn. So zögerte er nicht, als Gysi ihn 2005 bat, als Parteiloser für den Bundestag zu kandidieren. Neškovic´ schlug ein, bekam die Lausitz als Wahlkreis und besichtigte seitdem immer wieder mit großer Neugier die Region an der polnischen Grenze.

„Ich kannte von meiner Kindheit her Schwerin, hatte dort im Rahmen des kleinen Grenzverkehrs viele Ferien verbracht“, erklärt der Norddeutsche seine Affinität zur ehemaligen DDR. Seine Frau habe Verwandtschaft in Leipzig, da habe man schon immer viel gehört über das Leben jenseits der Grenze. „Und heute kann ich als Westdeutscher die Interessen der Ostdeutschen viel besser vertreten als sie selbst – eben weil ich nicht betroffen bin.“

Es ist ein Satz, der Widerspruch provoziert, selbst bei seinen Anhängern. Als es im letzten Wahlkampf darum ging, die geschicktesten Strategien zu entwickeln, wollte Gregor Gysi den beliebten Norddeutschen gern einen Wahlkreis im Westen erkämpfen lassen – dort habe er mehr Chancen als in der Lausitz. Neškovic´ aber blieb unerschütterlich. Gegen alle Prognosen holte er das Direktmandat – und bleibt bis heute damit für viele Lausitzer ein Rätsel.

Zwar legt er regelmäßig Besuchstage in seinem Wahlkreis ein, dennoch bleibt er Lübecker und Berliner. Bei seinen Besuchen spricht er über Verfassung und Grundgesetz, über den alten Streit um „Rückgabe vor Entschädigung“, über den Wechsel der DDR-Elite nach der Wende. „Das sind Themen, die die Menschen bis heute tief gedemütigt haben“, sagt er, und auch wenn er zugibt, dass der Wechsel oft notwendig gewesen sei – Demütigung kann er, der „kleine Russenjunge“, nicht ertragen.

Blick in die Zukunft

Ähnlich reagiert er bei der aktuellen Brandenburg-Debatte um Vergangenheit, Offenlegung, Wahrhaftigkeit. „Bei Mandatsträgern sollten die Menschen wissen, welche Vergangenheit sie haben. Mit ihrer Wählerstimme können sie dann abstimmen, ob sie diese Vergangenheit akzeptieren oder nicht.“

Als Richter, so sagt er, habe er eine versöhnliche Position gegenüber Fehlern, die ein Mensch begangen habe. „Man muss in die Zukunft sehen.“

Seine Zukunft? „Auf jeden Fall unabhängig.“ Als beurlaubter Richter kann er jederzeit zurück an den Bundesgerichtshof. „Das gibt innere Freiheit hier in Berlin.“