Bisher sind die von den Schiiten-Parteien und den Anhängern des Christen-Generals Michel Aoun straff organisierten Proteste friedlich geblieben. Junge Männer rauchen vor ihren Zelten Wasserpfeife. Mit Essensrationen und mobilen Toiletten sorgen die Parteien dafür, dass ihre Demonstranten gut versorgt sind. Trotzdem ist die Atmosphäre nach Einschätzung libanesischer Beobachter so angespannt, dass schon ein kleiner Funke einen Flächenbrand auslösen könnte.
So wirft etwa der mit Siniora verbündete Drusenführer Walid Dschumblatt der schiitischen Hisbollah vor, sie habe nach dem Krieg gegen Israel "ihre politische Waffe nach Innen gerichtet" und betreibe nun den Sturz der Regierung auf Befehl ihrer Verbündeten Iran und Syrien. Aoun, der sich den Schiiten angeschlossen hat, wirft der Regierung des Sunniten Siniora vor, sie versuche, aus einem politischen Konflikt eine Auseinandersetzung zwischen den verschiedenen Konfessionsgruppen zu machen.
Dabei benutzt Aoun das arabische Wort "Fitna", das so viel bedeutet wie Chaos oder Zwietracht aber auch Spaltung der Muslime. Es ist ein Wort, das Angst macht, vor allem im Libanon, der einen 15-jährigen Bürgerkrieg (1975-1990) hinter sich hat.
Zwar geht es bei der Auseinandersetzung in Beirut auch darum, wie das Verhältnis zum Nachbarn Syrien gestaltet werden soll und wie das internationale Tribunal zur Aufklärung der politischen Morde der vergangenen zwei Jahre aussehen wird. Doch ist unübersehbar, dass die ethnische und religiöse Zugehörigkeit der Akteure eine Rolle spielt.
Bei seinem Besuch im Libanon hat sich Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) demonstrativ hinter die brüchige libanesische Regierung gestellt. Das Land mache derzeit eine schwierige Phase durch, sagte er am Samstagabend in Beirut. Sein Besuch sei eine Geste der Unterstützung für die libanesische Unabhängigkeit. Am Rande seines Treffens mit Siniora sagte Steinmeier dem ZDF, Siniora sei "sehr selbstbewusst, sehr ruhig, sehr mutig, obwohl im Augenblick noch kein Ausweg aus der Krise erkennbar ist". Siniora stehe zu seinen Grundsätzen. Dennoch sei die Lage "nicht nur in Beirut äußerst angespannt". (dpa/AFP/ta)