Vier 300 Meter hohe Schornsteine prägten einst das Bild des Kraftwerksstandortes Boxberg (Kreis Görlitz). "Man hat sie schon von Weitem gesehen, so von der Autobahn aus, wenn man aus Richtung Dresden kommt", erzählt der Boxberger Helmut Meltzer.

Aber auch aus der Nähe, vom heimischen Haus aus waren sie gut zu sehen. Helmut Meltzer und Kurt Kaelcke kennen die Schornsteine noch aus einer anderen Perspektive: Sie haben an ihnen mitgebaut. 1968, als das erste Fundament in Arbeit war, begann Helmut Meltzer, am Bau mitzuwirken. Kurt Kaelcke zog es 1969 von Mecklenburg auf die Kraftwerks-Großbaustelle am Rande des damaligen Heidedorfs Boxberg. Beide gehörten zu den rund 200 Beschäftigen des VEB Spezialbaukombinat Magdeburg.

Rau, aber herzlich sei es auf ihrer Baustelle zugegangen, erinnern sich beide Männer, die nun Rentner sind. In Zwölf-Stunden-Schichten wurde gearbeitet, um die Schornsteine Meter für Meter hochzuziehen. "Da gab es zu Beginn der Schicht immer erst eine Besprechung und dann wusste jeder, was er zu machen hatte", erklärt Kurt Kaelcke. Schließlich musste sich jeder auf jeden verlassen können.

Beide Männer sind stolz und froh, dass auf der Baustelle nie etwas passiert ist, obwohl ja bei Wind und Wetter und auch in schwindelerregender Höhe gearbeitet werden musste. Per Seilwinde wurde das Material, wie Moniereisen und Beton, nach oben befördert. Der Beton dann mit Schubkarren auf der jeweiligen Seite verteilt. Die Richtkrone kam dagegen mit dem Hubschrauber, verweist Helmut Meltzer auf einen RUNDSCHAU-Beitrag von 2009. Damals wurden zwei Schornsteine gesprengt, nachdem der zuletzt errichtete Schlot schon ab 2000 "abgeknabbert" worden war. Vor der Sprengung hatte es ein Ehemaligen-Treffen gegeben und gemeinsam hatten sich die Kollegen im Landschaftskunstwerk Ohr am Bärwalder See die Sprengung angesehen. "Im Ohr werde ich wieder sein", sagt Helmut Meltzer mit Blick auf den morgigen Samstag. Ein Treffen der Ehemaligen ist dagegen diesmal nicht geplant.

Er und Kaelcke sehen dem Samstag ohne Wehmut entgegen. "Es ist nun mal der Lauf der Zeit", so Kaelcke. Er hat dabei noch besondere Erinnerungen an den Schornsteinbau. Dort hat er seine Frau Doris kennengelernt. "Sie war mit dafür zuständig, dass der Turm gerade wurde", sagt Kaelcke mit einem Lachen. Seine Frau war bei den Vermessern.

Nun wird es Samstag wenige Sekunden brauchen, um den letzten Schornstein des Werkes II zu sprengen. Dabei war laut Vattenfall eigentlich geplant, den Schlot abzutragen. Die dafür notwendige Abbruchmaschine war in den 90er-Jahren in Boxberg entwickelt worden. 2008 begannen diese Arbeiten, die am Ende 41 000 Tonnen Stahlbeton umfasst hätten. Doch die Erfahrung aus der Sprengung vor drei Jahren und der Rückbau des Innenkerns erlauben nun eine sichere Sprengung des Restbauwerks, erklärt das Unternehmen.

Zum Thema:
Die Sprengung wird Samstag 11 Uhr durchgeführt. In dieser Zeit kann es zu kurzzeitigen Behinderungen auf der B 156 kommen.Die beste Sicht auf die Sprengung hat man vom Südufer des Bärwalder Sees aus (Bereiche Uhyst und Klitten) sowie vom Findlingspark in Nochten. Das Areal des Kraftwerkes wird weiträumig abgesperrt sein.