Es sind verschiedenfarbige Formblätter, die Oberarzt Dr. Henry Ptok auf dem Tisch im Carl-Thiem-Klinikum (CTK) in Cottbus ausbreitet. Ptok ist Chirurg und Fachmann für Darmkrebserkrankungen. Die Formblätter dienen seit Jahren der Datenerfassung für ein regionales Krebsregister. Bisher wurden sie in Brandenburg gesammelt und seit etwa zehn Jahren an ein gemeinsames Register der ostdeutschen Bundesländer und Berlins weitergeleitet. Bald sollen sie nun auch in eine bundesweite Datenbank einfließen.

Das ostdeutsche Register baut auf der Krebsdatenbank der DDR auf und erfasst etwa 80 Prozent aller Fälle. "Das ist viel mehr als bisher in den meisten Altbundesländern", so Ptok. Einzige Ausnahme ist das kleine Saarland. Seit über 40 Jahren werden fast alle bösartigen Tumorerkrankungen dort registriert und wissenschaftlich ausgewertet. Wer bisher etwas über die Häufigkeit von Krebsarten in Deutschland wissen wollte, musste ins Saarland schauen.

Das soll sich nun ändern. Im Juli wurde nach jahrelangem zähen Ringen auf Grundlage eines Bundesgesetzes mit dem Aufbau eines deutschlandweiten Krebsregisters begonnen. Neben dem Saarland gilt Brandenburg dabei als Vorbild. Bisher entschied jedes Bundesland selbst, seit wann und wie es eine Krebsstatistik führte. Das Ergebnis war ein Flickenteppich, der keine gemeinsame Auswertung zuließ.

Mediziner wie der Cottbuser Oberarzt Henry Ptok sind froh, dass die Datenkleinstaaterei nun aufhört. "Für die aktuellen Patienten hat so eine Statistik keinen Nutzen, aber für die künftigen Krebskranken", sagt Ptok. Denn aus solchen Registern könnten wichtige Erkenntnisse gewonnen werden.

In welchem Alter treten bestimmte Krebsarten am häufigsten auf? Gibt es regionale Schwerpunkte für bestimmte Tumore? Welche Therapiearten zeigen längerfristig die höchsten Erfolge? Ist die Qualität der Behandlung in den Kliniken vergleichbar? Dieses Wissen, so Ptok, sei zum Beispiel wichtig, um Vorsorgeuntersuchungen zielgerichtet und wirkungsvoll einzusetzen.

Die Gründe, warum es so lange dauerte, bis im Frühjahr ein Gesetz für ein bundesweites Krebsregister beschlossen wurde, liegen vermutlich auch in der Vielzahl der Beteiligten: Länder, Krankenversicherungen, Rentenversicherungen, Krankenhäuser, niedergelassene Ärzte und Wissenschaftler. Und es ging natürlich ums Geld.

Die Betriebskosten für die Verarbeitung der Meldungen tragen nun die Krankenkassen. Von den acht Millionen Euro Investitionen in das neue System übernimmt die Deutsche Krebshilfe 7,2 Millionen. Damit sei es jedoch längerfristig nicht getan, sagt Dr. Svenja Ludwig, Pressesprecherin der Krebshilfe.

Erfasst werden für die Krebsdatei Grunddaten wie Alter, Geschlecht, Name und Wohnort. Dazu kommen die wichtigsten Tumordaten aus Untersuchungen und Gewebeproben. Registriert wird dann die Art der Behandlung, erklärt der Cottbuser Chirurg Henry Ptok, welche Operation, welche Medikamente, welche Bestrahlung. Erfasst werde auch die Nachsorge zur Erfolgskontrolle. Nur bis zum zentralen Server für Brandenburg, der in Potsdam steht, würden die Daten namentlich zugeordnet. "Die Weiterleitung an das neue Bundesregister erfolgt dann anonymisiert", so Ptok. Die namentliche Erfassung geschehe außerdem unter strenger Vertraulichkeit. Nur wenige Ärzte hätten dafür einen passwortgeschützten Zugang.

Trotzdem müsse jeder Patient gefragt werden, ob er seiner Datenerfassung für ein Krebsregister zustimmt. "Ich kann mich nicht erinnern, dass mal jemand zu mir Nein gesagt hat", so der Oberarzt.

Dr. Rüdiger Müller, Chefarzt der Gynäkologie im Klinikum Dahme-Spreewald GmbH und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Brustkrebs in Brandenburg, hat andere Erfahrungen gemacht: "Das kommt schon vor, dass die Datenerfassung abgelehnt wird, manche wollen das einfach nicht." Gerade jüngere Patienten hätten Befürchtungen, dass Versicherungen von ihrer Krebserkrankung erfahren oder dass es negative Folgen für ihr Berufsleben hat.

Aber grundsätzlich sei das Register "eine gute Sache". Für Brandenburg sei durch die Daten schon heute nachweisbar, dass die Brustkrebsbehandlung in allen Kliniken mit derselben guten Qualität erfolge und nicht nur in speziellen Fachzentren.

Müller arbeitet in einer Fachgruppe, die sich darum bemüht, Daten über Therapieangebote auch für Patienten aufzubereiten, die vor der Entscheidung stehen, in welcher Klinik sie sich behandeln lassen wollen. "Da sind aber die Krankenhäuser wieder sehr sensibel."

Müller ist überzeugt, dass die Bedeutung eines bundesweiten Krebsregisters noch steigen wird, weil die Zahl der bösartigen Tumore insgesamt nicht zurückgeht. Das zunehmende Lebensalter ist dafür ein Grund. Wer länger lebt, hat auch mehr Zeit, einen Krebs zu bekommen.

Sein Kollege Ptok aus Cottbus sagt, dass es auch wünschenswert wäre, Spezialregister für häufige Krebsarten weiterzuentwickeln: "Da könnte man dann mit den Daten weiter in die Tiefe gehen." Doch zunächst müsse es gelingen die zentrale Erfassung für ganz Deutschland überhaupt hinzubekommen. Fachleute rechnen mit einer Dauer von etwa zwei Jahren, bis der dafür nötige Datenbestand erreicht ist.