„Hätten wir uns nicht über Monate stundenlang hingesetzt und zum
Beispiel das Füttern geübt, wären wir längst noch nicht so weit.“
 Paulines Mutter,
Michaela Rosche-Rebeyrat


„Das Hirntodprotokoll sollte schon ausgefüllt werden. Wir haben über Organspende geredet.“ Wenn Philippe Rebeyrat (49) im wohlklingenden französischen Akzent von den für immer eingebrannten Momenten des 8. Juli 2005 berichtet, steht dem sonst so starken und selbstsicheren Vater die Hilflosigkeit in die Augen geschrieben. Auf der Autobahn kurz vor Köln hatte er am Ende eines Staus stoppen müssen. Drei Fahrzeuge dahinter taten es ihm gleich, dann geschah das Ungeheuerliche. Ein belgischer Laster donnerte auf das Ende der Schlange, begrub zwei Autos unter sich, schob viele weitere Wagen ineinander. Rebeyrat bekommt den Knall nicht aus dem Kopf. Und die Erinnerungsfetzen, in denen Ehefrau Michaela (38) das Köpfchen von Pauline hält. Blutüberströmt, leblos, aber mit einem starken kleinen Herzen. „Es hat geschlagen. Sie wollte noch nicht gehen.“ Die Eltern und der Halbbruder überstanden die Katastrophe wie viele andere Unfallbeteiligte mit leichten bis mittleren Verletzungen. Für zwei Menschen aus den hinteren Fahrzeugen kam jede Hilfe zu spät.
Pauline erlitt schwerste Kopfverletzungen, schwebte wochenlang zwischen Leben und Tod. Die heute Achtjährige trotzte den erschütternden Prognosen der Ärzte mit einem bärenstarken Willen. Überlebte. Und kämpft seither an der Seite ihrer Familie für ein Leben, das trotz schwerwiegender körperlicher und geistiger Behinderungen Tag für Tag ein bisschen lebenswerter wird.
Dass Pauline Rosche, das begabte, lebenslustige Mädchen mit der Liebe zu Musik und Tanz und einem ausgesprochenen sprachlichen Talent das dritte Todesopfer dieser Massenkarambolage werden würde, schien für die Notärzte im Unfallkrankenhaus Köln-Merheim nach einer Sofort-OP nur eine Frage der Zeit zu sein. Der schwere Aufprall hatte die linke Schädelhälfte des Mädchens schlimm zertrümmert. Offene Brüche, Hirnblutungen, Ödeme, viel zerstörtes Gewebe und andere innere Verletzungen schienen keine Überlebenschancen zuzulassen. Doch das seither so oft hinterfragte Schicksal hatte seine Rechnung ohne Paulines Dickkopf gemacht. Als die geschockte Familie schon den Verlust ihrer kleinen „Zicke“ vor Augen sah, reagierte sie mit einem Husten auf einen der letzten Reiztests. Nein, Pauline war noch nicht fertig mit sich und der Welt. Und strafte mit ihrer unbändigen Entschlossenheit all jene Lügen, die die Hoffnung schon aufgegeben hatten. Der Startschuss für ein kaum noch für möglich gehaltenes Leben. Mit Pauline. Einer anderen Pauline.
Es ist ein unvorstellbar anderes Leben für die Rosche-Rebeyrats, meist fern der Biehlaer Heimat. Eine Gratwanderung zwischen Mut und Angst, Resignation und Aufbruchstimmung. Im ersten Jahr nach der schrecklichen Tragödie haben Mama und Papa ihr Mädchen nicht ein Wort sagen hören, nicht einen Schritt gehen und nicht einen klar zu deutenden Blick austauschen können. Es ist ein Hin und Her zwischen Kliniken und Reha-Zentren, Operationen und Therapien, Fortschritten und Rückschlägen. Und dennoch: Über allem steht die Dankbarkeit für jeden neuen Tag. Aber wie nimmt Pauline ihn wahr„
„Sie lebt in ihrer eigenen Welt, zieht sich manchmal in sich zurück. Aber sie erlebt ihr Umfeld schon wieder sehr bewusst“ , sagt Mutter Michaela, die etwas ratlos mit den Schultern zuckt, wenn man sie genauer zu Paulines „Welt“ befragt. Irgendwo zwischen Wachkoma und Aufwachen, sagen die Ärzte. Aber so genau wisse das niemand. Entscheidend für sie sei nur, dass es in den vergangenen Monaten stetig aufwärtsgegangen sei. Sehr langsam zwar, aber kontinuierlich. Das mache Mut und lasse Besseres erhoffen.
Tatsächlich hat sich Pauline seit ihrem mehrwöchigen künstlichen Koma direkt nach dem Unfall schon wieder mächtig aufgerappelt. Nicht nur, dass sie sich von mehreren heiklen Phasen (Gehirninfektion, Blutvergiftung) infolge ihrer Verletzungen nicht unterkriegen lassen hat. Nein, mittlerweile atmet sie wieder selbstständig und ist auch längst nicht mehr auf künstliche Ernährung angewiesen. Ein Erfolg, den Michaela Rosche-Rebeyrat nicht nur den gut abgestimmten Therapieformen im Kreischaer Rehabilitationszentrum, sondern vor allem auch dem Fleiß und der Nähe der Familie zuschreibt. „Hätten wir uns nicht über Monate stundenlang hingesetzt und zum Beispiel das Füttern geübt, wären wir längst noch nicht so weit“ , hat die Lehrerin schnell begriffen, dass die Genesung ihrer Tochter nicht stupide nach dem Lehrbuch vorangetrieben werden kann. Ehemann Philippe werde von einigen Ärzten auf den Gängen kaum noch gegrüßt, so haarig würden die Auseinandersetzungen ab und an geführt. „Aber der Erfolg gibt uns Recht“ , sagt der in Deutschland als Dozent und Übersetzer tätige Franzose entschlossen. Während er schon wieder angefangen hat zu arbeiten, kannte seine Frau in den vergangenen 13 Monaten nur eine Aufgabe: Pauline. Mindestens zwölf Stunden am Tag ist ein Elternteil bei ihr, meist sogar beide. Der Rasen und die Papierberge zu Hause werden derweil von der Verwandtschaft oder Freunden gestutzt. „Da weiß man, wer wirklich zu uns hält.“
Rückendeckung anderer Art gibt's derweil auch für Pauline. Caroline, die einstige Schulfreundin und immer noch beste Kumpeline aus der Biehlaer Nachbarschaft, hat unter anderem eine Spendenaktion initiiert - mittlerweile als Bestandteil der „Tour der Hoffnung“ - und mit der heimischen Grundschule ein Benefizkonzert veranstaltet. Ob ihre verunglückte Freundin dafür jemals richtig „danke“ sagen kann, steht in den Sternen. Wie alles, was Paulines weitere Entwicklung betrifft. Wird sie sich jemals wieder koordiniert bewegen können“ Kehrt die Sprache zurück„ Die Fähigkeit zu lachen und zu weinen“ Auf die Bitte, eine Prognose für die nächsten Jahre zu wagen, schüttelt Philippe Rebeyrat vehement den kurz rasierten Kopf. „Es gibt keine Prognose. Wir leben heute und sind froh, wenn es morgen nicht schlechter ist. Ein Weg mit ungewissem Ziel.“
Und bei dem die Angst ein ständiger Begleiter bleibt. Denn so gut das risikobehaftete erste Jahr nach dem Unfall für die einst ausgezeichnete Erstklässlerin auch gelaufen ist - eine Garantie für den Fortlauf der Verbesserungen ist das nicht.
Michaela Rosche-Rebeyrat, die ihrem Mann einst beim Französisch-Studium über den Weg lief, hat gelernt, aus der schwelenden Ungewissheit Antrieb zu gewinnen. Pauline wird, solange es geht, gefördert und gefordert, statt sie wie eine Porzellanpuppe zu behandeln. Fünf, sechs Therapien pro Tag sind keine Seltenheit, viel mehr hätte sie vom Zeitaufwand als Grundschülerin auch nicht zu meistern. Klar, dass da auch ein fleißiges Paulinchen mal die Lust verliert. Dann könne es auch gut sein, dass die über lange Zeit erarbeitete, erste Kommunikationsebene mit den Eltern für eine paar Minuten stur ausgeknipst werde. Wie die ansonsten funktioniert„ Einmal mit den Augen zwinkern heißt „Ja“ , zweimal bedeutet „Nein“ . Dass Pauline auf diese Art immer logischer auf Fragen antworten kann, weist auch auf einen geistigen Lernprozess hin. Also heißt es dranbleiben für Pauline und ihre Familie. Nach dem Sommerurlaub, den die Rosche-Rebeyrats zurzeit zu Hause in Biehla verbringen, geht es zurück in die Kinderklinik nach Kreischa - Fortschritte pauken! Doch bei den mittlerweile üblichen Übungsformen für Körper und Geist soll es nicht bleiben. Mutter Michaela hat sich intensiv zu alternativen Behandlungsmethoden belesen, will auch Therapien mit Pauline ausprobieren, die über die normale Schulmedizin hinausgehen. Und weil dafür jeder Euro helfen kann, zeigt sie sich nicht nur über die aufopferungsvolle Hilfe von Schulfreundin Caroline, sondern vor allem auch über die Unterstützung vieler Elsterwerdaer, die anlässlich der morgen in Elsterwerda gastierenden „Tour der Hoffnung“ schon gespendet haben, überwältigt. Zumal mit der Anteilnahme vieler nachträglich sogar Paulines großer Wunsch wahr werden soll. Vielleicht noch in diesem, spätestens aber im nächsten Jahr steht eine richtig große Reise an. „Wir wollen es auf jeden Fall mit einer professionellen Delfintherapie versuchen“ , setzt Michaela Rosche-Rebeyrat große Hoffnungen in die Fähigkeiten der behutsamen „Flipper“ .
Die Erfüllung eines großen Traumes als nächster kleiner Schritt in ein erfüllteres Dasein“ „Vielleicht. Wir versuchen alles, um das Leben unserer Pauline lebenswerter werden zu lassen. Wie auch immer das später aussehen wird.“

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 Noch bis zum 31. Dezember 2006 können die Bürger spenden. Hier das Spendenkonto bei der Sparkasse Elbe-Elster (BLZ: 18051000) für krebskranke Kinder unter dem Stichwort „Tour“ und speziell für Pauline Rosche unter „Delfin“ . Kontonummer: 3420150465. Das Beste: Jeder Euro, der für Pauline zusammenkommt, wird aus dem „Tour der Hoffnung“ -Fonds verdoppelt.
Weitere Informationen zur Tour der Hoffnung:
www.tour-der-hoffnung.de.