ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 02:38 Uhr

Der lange Weg vom Asylantrag in die Arbeitswelt

FOTO: LR Archiv
Cottbus. Sprach- und Integrationskurse, Probearbeiten und Praktika. Nach der großen Flüchtlingsaufnahme 2015 begannen die Bemühungen, Asylbewerber in der Region in Arbeit zu bringen. Es gibt Erfolgsgeschichten und Enttäuschungen. Simone Wendler / Quelle: Arbeitsagenturen Cottbus und Bautzen

Die Firma Stahlbau Hoffmann in Herzberg hat einen Praktikanten. Mohammad Rahal, anerkannter 24-jähriger Flüchtling aus Syrien, bekommt von Firmanchef Erwin Hoffmann eine hervorragende Beurteilung: "Zuverlässig, höflich, pünktlich, verlässlich." Nach drei Monaten Praktikum will der junge Syrer eine sechsmonatige Einstiegsqualifikation absolvieren und dann in dem Handwerksbetrieb eine Lehre beginnen.

Der 26-jährige Nigusu Aynalem, Flüchtling aus Eritrea, wird in der Entwicklungsgesellschaft Energiepark Lausitz GmbH in Finsterwalde seit fast einem Jahr zum Industriefertiger ausgebildet. "Der macht sein Ding, wenn alle mal so wären", sagt Ausbilder Michael Soffner über ihn. In Kürze werde Aynalem seine Abschlussprüfung haben. "Wir suchen jetzt für ihn einen Praktikumsplatz mit Aussicht auf Übernahme", so Soffner.

Auch Tino Schenker, Geschäftsführer des gleichnamigen Getränkegroßhandels in Senftenberg, hat nicht bereut, dass er im vorigen Sommer 15 Flüchtlinge als Saisonkräfte einstellte. Leergutkisten am Band sortieren, ein körperlich harter Job, für den Schenker kaum deutsche Bewerber fand. "Alle haben zuverlässig ihren Vertrag erfüllt", lobt der Chef die Flüchtlinge.

Fünf von ihnen sind noch immer dabei. Bei anderen sei von Anfang an klar gewesen, dass sie nach dem Sommer in einen Sprachkurs oder Ausbildung wechseln. Drei waren den körperlichen Belastungen nicht gewachsen. Die verbliebene "Multi-Kulti-Truppe" arbeite fleißig, gut und reibungslos zusammen. "Ohne die Flüchtlinge würden wir unsere Arbeit in dieser Abteilung nicht schaffen", so Tilo Schenker.

Es sind solche Geschichten, die hoffen lassen, dass bald Hunderte aufgenommene Flüchtlinge in der Region ihren Lebensunterhalt selbst bestreiten können. Doch der Weg dorthin ist mühsam. "Wir werden einige Jahre Geduld haben müssen", sagt Claudia Sieber. Erfolge seien aber schon deutlich sichtbar.

Sieber leitet die Geschäftsstelle Elbe-Elster der Agentur für Arbeit Cottbus und ist im ganzen Arbeitsamtsbezirk für die Koordination der Betreuung von Flüchtlingen zuständig. Fast 3500 werden im Arbeitsamtsbezirk Cottbus durch die Arbeitsagentur und die Jobcenter derzeit betreut.

Neben dem Spracherwerb seien auf dem Weg zu Ausbildung und Arbeit auch andere Hürden zu überwinden, so die Koordinatorin: die Anerkennung vorhandener Berufsabschlüsse aus dem Heimatland, eventuelle Zusatz- oder Anpassungsqualifikationen, das Kennenlernen der Arbeitswelt in Deutschland.

Teilweise gebe es falsche Vorstellungen über Berufsbilder und Ausbildungsgänge, so Claudia Sieber: "Viele Flüchtlinge wollen Apotheker, Zahntechniker oder Autoschlosser werden." Das sei illusorisch. Wer eine Ausbildung beginnt, müsse auch Deutsch so beherrschen, dass er dem Unterricht folgen kann: "Es gibt keine Extraklassen für Flüchtlinge."

Die Agentur für Arbeit in Bautzen mahnt ebenfalls zu Geduld. Bei der Agentur und den beiden kommunalen Jobcentern in Bautzen und Görlitz sind rund 1400 Asylsuchende registriert. Sprachgrundkurse für 1200 Menschen und fast 600 Arbeitsfördermaßnahmen bestimmten im vorigen Jahr die Betreuung. Erfahrungen zeigten, so Agenturchef Thomas Berndt, dass erst nach fünf Jahren etwa die Hälfte der Flüchtlinge eine Arbeit aufnehmen kann. Nach 15 Jahren seien es 70 Prozent.

Claudia Sieber, die Koordinatorin der Cottbuser Arbeitsagentur, kennt jedoch nicht nur Erfolgsgeschichten. "Natürlich gibt es auch manche, die sind von einem Tag auf den anderen weg." Wer als Flüchtling anerkannt sei, habe keine Residenzpflicht. Viele ziehe es dann in die Großstädte. Manchmal fehle auch einfach Durchhaltevermögen.

Diese Erfahrung machte Mandy Sprejz. Die Inhaberin eines Friseurgeschäftes in Cottbus hat in den vergangenen Monaten rund einem Dutzend jungen Menschen aus verschiedenen Ländern die Chance eines Praktikums oder Probearbeitens gegeben. Keiner von ihnen ist mehr da.

"An Anfang waren alle engagiert und neugierig, aber die Ausdauer fehlte bei vielen", so Mandy Sprejz. Auch ein junger Afghane, der sehr gut deutsch sprach und über ein Praktikum zu einer Lehrstelle kommen wollte, ließ sich nach einigen Wochen von einem Tag auf den anderen nicht mehr sehen.

"Vielleicht war es für manche nach langem Nichtstun auch zu viel, immer pünktlich zu sein und zuverlässig", vermutet die Geschäftsfrau. Sie überlege nun, was in der Zusammenarbeit mit Ämtern und Behörden bei der Begleitung solcher Praktika besser gemacht werden könnte. Die Belastung durch fehlende Sprachkenntnisse mancher Bewerber sei doch groß. Trotzdem ist das Thema für die Friseurin nicht erledigt. "Wir würden es vielleicht noch mal probieren."

Die Handwerkskammern in Cottbus und Dresden bemühen sich, bei Flüchtlingen das Interesse an Handwerksberufen zu wecken.

Die Bundesagentur für Arbeit hat 2016 dafür ein spezielles Programm aufgelegt. 26 junge Männer haben inzwischen diesen sechsmonatigen Kurs im Kammerbezirk Cottbus durchlaufen. Zwei neue Kurse haben begonnen. Sechs Flüchtlinge absolvieren gerade eine mehrmonatige Einstiegsqualifikation in Handwerksbetrieben des Kammerbezirkes Cottbus, einige bereits eine Ausbildung.

Im Bereich der Handwerkskammer Dresden haben 24 Flüchtlinge den neuen Handwerkskurs der Bundesagentur für Arbeit im Dezember erfolgreich beendet. Die meisten wechselten nahtlos in ein Anschlussprogramm zur Berufsorientierung. Ziel ist, dass sie im Sommer eine Handwerkerlehre beginnen.

Als Hemmschuh für Betriebe, die Flüchtlinge ausbilden oder beschäftigen wollen, nennt die Handwerkskammer Dresden die oft ungewisse Bleibeperspektive. Ein Beispiel ist Naser Kassem, der als "Barbier von Hoyerswerda" bundesweit durch die Medien ging.

Nach einem Praktikum bekam er 2014 eine unbefristete Festanstellung im Friseursalon Haarschneider. Kassem hatte im Libanon ein Barbiergeschäft, beherrscht neben perfekter Nassrasur orientalische Techniken der Haarentfernung. "Naser hat seinen Kundenstamm, es wäre ein herber Rückschlag, wenn wir ihn verlieren würden", sagt sein Kollege Henry Weiher. Doch die Gefahr bestünde.

Das Asylverfahren der Familie mit drei Kindern sei noch immer nicht abgeschlossen, so Weiher: "Sie werden immer wieder nur befristet geduldet." Die Frau von Naser Kassem absolviert trotzdem gerade einen Sprachintensivkurs. Danach will sie ein Praktikum im Hoyerswerdaer Klinikum beginnen.

Zum Thema:
Asylbewerber und Geduldete werden bei der Jobsuche durch die Agentur für Arbeit betreut. Nach bestimmten Fristen dürfen sie eine Arbeit aufnehmen. Anerkannte Asylbewerber und Flüchtlinge zum Beispiel aus Bürgerkriegsgebieten werden von den Jobcentern betreut.Im Arbeitsamtsbezirk Cottbus ohne Eigenbetrieb Spree-Neiße werden rund 3500 Flüchtlinge betreut. Fast 1400 haben an Integrationskursen teilgenommen. 214 wurden in einen regulären Job vermittelt, elf befinden sich in Ausbildung. 810 Geflüchtete befinden sich in Praktika oder Berufsvorbereitungskursen.Im Arbeitsamtsbezirk Bautzen werden rund 1340 Geflüchtete von der Arbeitsagentur und den Jobcentern Bautzen und Görlitz betreut. Von Oktober 2015 bis September 2016 hat die Agentur 590 Maßnahmen zur Arbeitsförderung für Flüchtlinge bewilligt. 54 haben darüber hinaus eine Qualifizierung begonnen. Im Juni des vergangenen Jahres waren 184 Flüchtlinge aus nichteuropäischen Herkunftsländern sozialversicherungspflichtig beschäftigt, viele im Reinigungs- und Gastgewerbe. Quelle: Arbeitsagenturen Cottbus und Bautzen