Es gibt nicht wenige Hoyerswerdaer, die lieber nicht an die Ereignisse im September 1991 erinnert werden wollen. Jahr für Jahr fokussiert sich einmal die bundesweite Öffentlichkeit auf die Stadt - wenn der Jahrestag der ausländerfeindlichen Übergriffe Mitte September naht. Dann werden Fotos vom immer gleichen Wohnblock herausgekramt, von Rentnern mit Rollatoren und Brachflächen vom Stadtumbau, die nichts anderes als Tristesse zeigen sollen - so auch zum 21. Jahrestag der Taten im September 2012.

Mahnmal statt Brandmal

Hoyerswerda braucht, mehr als 20 Jahre nach den Taten, einen Ort des Erinnerns. Ein Mahnmal soll es sein - kein Brandmal. So verkündete Hoyerswerdas Oberbürgermeister Stefan Skora (CDU) im Januar dieses Jahres: Es soll einen künstlerischen Wettbewerb für ein Denkmal geben. Gesagt, getan: Im Juli bat die Stadtverwaltung zur Pressekonferenz: Der Wettbewerb kann beginnen. Das Überraschende war: Es sitzt kein einziger Künstler in der Jury, kein Vertreter der Hoyerswerdaer Vereine und Verbände, die sich maßgeblich für Jugendbildung, Demokratie und Toleranz einsetzen. Dafür sind neben dem OB die Vorsitzenden der Stadtratsfraktionen dabei, die Chefin der städtischen ZooKultur gGmbH, Ehrenbürger und Superintendent i.R. Friedhart Vogel und die Vorsitzende des Jugendstadtrats. Weitere beratende Mitglieder könnten dazugebeten werden, sagte OB Skora damals. Dazugebeten worden ist bis zur Entscheidung niemand.

Ein Denkmal ist nicht das Entscheidende für die Aufarbeitung der ausländerfeindlichen Übergriffe von 1991. Doch es ist ein Zeichen. Wird das Thema diskutiert, ist oft nur von den Rechten in der Stadt die Rede, aber selten von den Aufrechten. Jury-Mitglied Friedhart Vogel ist einer dieser Aufrechten, aber längst nicht der einzige. Allein die RAA, die Regionale Arbeitsstelle für Bildung, Demokratie und Lebensperspektiven, hat in den vergangenen 20 Jahren Projekte mit mehr als 25 000 Jugendlichen gemacht und ihnen die Grundlagen von Demokratie und Toleranz vermittelt. Auch die Hoyerswerdaer Kulturfabrik arbeitet seit vielen Jahren an vorderster Front für Vielfalt in der Stadt. Ein Problem, das Hoyerswerda im Umgang mit diesem Thema hat, ist die Kommunikation: Außerhalb eines 25-Kilometer-Umkreises wissen wenige, welche Aktivitäten es in der Stadt gibt. Der Görlitzer Linken-Politiker Mirko Schultze hatte kürzlich während einer Veranstaltung gesagt, Hoyerswerda habe bei "Tue Gutes und rede darüber" schlicht den zweiten Teil vergessen.

Acht Einsendungen

Mitte Juli, zwei Wochen vor den sächsischen Sommerferien, sollte es also mit dem Wettbewerb losgehen. Das große Ziel: Möglichst viele Schulen sollten Ideen einbringen. Bis zum Ende der Sommerferien herrschte weitgehend Flaute. Über die Kreisgrenzen hinaus wurde der Wettbewerb nicht gestreut. Anschließend entschied die Stadtverwaltung, den Wettbewerb noch einige Male in den Rathaus-Nachrichten auf ihrer Internet-Seite zu bewerben. Am 31. Oktober, dem Einsendeschluss, lagen acht Entwürfe vor - einer davon von der Gruppe Pogrom 91. Die etwa 20 Mitglieder, die in Hoyerswerda aufgewachsen sind, setzen sich seit 2011 intensiv dafür ein, dass die Hoyerswerdaer Stadtspitze die Übergriffe als "rassistische Pogrome" anerkennt. Stadtverwaltung und Stadtrat wehren diesen Begriff mit Hinweis auf die Gräuel der NS-Zeit entschlossen ab. Mit einer jährlichen Demonstration erinnert Pogrom 91, und mit ihnen viele Antifaschisten aus nah und fern, an die Übergriffe auf Vertragsarbeiter und Asylbewerber im Jahr 1991.

Doch noch bevor die Denkmal-Jury zu einem Urteil kommen konnte, überschlugen sich die Ereignisse: Am 17. Oktober bedrohten etwa 15 Neonazis ein Hoyerswerdaer Paar und versuchten, in deren Wohnung einzudringen. Das Ehepaar flüchtete aus der Stadt. Einen Monat später rollte das MDR-Magazin "Fakt" den Fall auf. Das Paar erhob schwere Vorwürfe gegen die Polizei. Hoyerswerda und das Thema rechte Gewalt waren erneut bundesweit in aller Munde. Ein lokales Aktionsforum sollte die Wogen umgehend glätten. OB Skora verurteilte die Tat scharf, Sachsens Landespolizeipräsident betonte, die Polizei werde Rechtsextremen künftig mehr auf den Füßen stehen - vor allem auch in Hoyerswerda.

Am 4. Dezember trat die Denkmal-Jury zusammen und kürte die Siegerin. Außer den Jury-Mitgliedern hatte niemand alle acht Vorschläge miteinander vergleichen können. Sie sollen auch nicht veröffentlicht werden. Der Siegerentwurf der Steinmetzmeisterin und in Hoyerswerda ansässigen Unternehmerin Martina Rohrmoser-Müller, einer gebürtigen Österreicherin, ist betont versöhnlich und optimistisch. Er lässt den gewünschten Raum für Interpretationen. Der Clou: Per QR-Code sollen Interessierte mehr erfahren: über die Übergriffe 1991 ebenso wie über die Projekte für Demokratie und Toleranz in Hoyerswerda. Wo das Denkmal einmal stehen soll, ist noch unklar. Favorisiert wird ein Platz in der Neustadt.