Axel Mayer, so etwas wie ein Veteran der Anti-Atomkraft-Bewegung, war dabei, als sich eine ganze Region - Bauern, Studenten, Beamte - auflehnte gegen den geplanten Bau eines Atom-Meilers vor ihrer südbadischen Haustür. Mayer trug 1975 seinen Teil zum Mythos von Wyhl bei - und er marschierte am 28. Februar 1981 an der Seite von 10 0000 anderen mit bei den größten Anti-Atom-Protesten der deutschen Geschichte in Brokdorf an der Elbe. Jetzt spürt er wieder ein Aufleben der Proteste. "Sie sind im Aufwind", sagt der 53-Jährige.Ende der 1960er-Jahre hatte Mayer die Kernkraftwerke noch akzeptiert. Sie galten als sicher, als wirtschaftlich, als umweltfreundlich, als Segen für die Menschheit. Aber dann sollte ein Bleichemiewerk in Marckolsheim gebaut werden - und der Vermessungstechnikerlehrling ging auf die Straße. "Für mich war es doch keine Frage, sich gegen die Bedrohung von Mensch, Natur und Heimat, gegen das Bleichemiewerk und später gegen das Akw in Wyhl zu engagieren." Also schwang sich Mayer 1974 mit seiner Freundin auf den Motorroller und fuhr zur ersten Besetzung nach Marckolsheim."Nai hämm'r gsait (Nein haben wir gesagt)" - unter dem alemannischen Motto wird die 3613 Einwohner zählende Gemeinde Wyhl am Kaiserstuhl zum Symbol für den Widerstand gegen technische Klötze. Hunderte Menschen stellen sich den anrückenden Baumaschinen entgegen. Die Kernkraftwerk Süd GmbH will auf dem Gelände zwei Kraftwerksblöcke bauen. Die Protestler besetzen im Februar 1975 den Bauplatz, wenige Tage später müssen sie Polizisten und Wasserwerfern weichen. Doch der Friede währt nicht lange. Nach einer Kundgebung bewegen sich 28 000 Menschen auf das mit Stacheldraht eingezäunte Gebiet zu, etliche überwinden die Absperrung.Erst knapp neun Monate später verlassen die letzten Demons tranten den Bauplatz wieder, nachdem sie dort ein "Freundschaftshaus" errichten, eine "Volkshochschule Wyhler Wald" gründen, nächtelang zusammensitzen und diskutieren. "Wer dort saß, der war sich sicher, dass sein Protest rechtens war", erinnert sich Mayer. 1978 gibt die Regierung das "Aus" für Wyhl bekannt - mangels Bedarfs. "Wir haben erlebt, dass man mit einer illegalen Besetzung etwas erreichen kann", sagt Mayer.Den Erfolg der badisch-elsässischen Bürgerinitiativen auf dem besetzten Bauplatz feiert nicht nur er als Geburtsstunde der deutschen Anti-Atomkraft-Bewegung und als Wiege der Grünen. "Der Umweltschutz war damals ein exotischer Gedanke, er brauchte diesen Schub, und die Zeit war reif." Der Region verpasst der Protest mit seinem frühen Ja zu alternativen Energien eine Art ökologisches Wirtschaftswunder: Forschungsinstitutionen werden rund um Freiburg aus der Taufe gehoben, die Stadt im Breisgau gilt heute als Mekka der Solarindustrie."Friedlich war der Protest damals, tief verwurzelt und solidarisch", erinnert sich Mayer, der heute Geschäftsführer vom BUND-Regionalverband Südlicher Oberrhein ist. Dennoch, ein bisschen Wehmut meint man aus seiner Stimme zu hören. "Ganz im Gegensatz zu den Protesten in Brokdorf Jahre später."Brokdorf - ein Schlagwort, ähnlich wie es heute Gorleben ist mit seinen regelmäßigen Massenprotesten gegen das Zwischenlager und die Transporte der abgehalfterten Brennstäbe. Der Erfolg der Wyhler war den Anti-Atomkraftgegnern in Norddeutschland nicht vergönnt: "Die Betreiber hatten aus den Fehlern von Wyhl gelernt, es gab eine bessere Propaganda und massive Aufrüstung bei der Polizei", sagt Mayer, der sich damals mit einem Bus auf den Weg in den Norden gemacht hatte. Wasserwerfer wurden vor genau 28 Jahren gegen die Demonstranten auf dem Acker eingesetzt, es hagelte Stahlkugeln gegen Polizisten. Es sind vor allem diese Bilder, die im Gedächtnis geblieben sind.Die Kieler Regierung zog mit mehr als 10 000 Beamten das bis dahin größte Polizeiaufgebot in der deutschen Geschichte zusammen. Etliche Polizisten und Demonstranten wurden verletzt. Brokdorf, das steht für eine Niederlage der Bewegung. Für viele politisch Bewegte mag dieser Frust der Anfang vom Ende ihres Engagements gewesen sein.Dennoch: Hin und wieder blitzte auch in den Jahren danach noch der Erfolg auf. "Der Bau der Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf Mitte der 80er-Jahre konnte verhindert werden", sagt Mayer. Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl in der Ukraine schürte weitere Ängste vor einem deutschen GAU, und immer wieder sorgen seit Mitte der 1990er-Jahre Castor-Transporte mit gebrauchten Brennelementen für massiven Protest.