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| 01:15 Uhr

Der lachende Prediger

Fast scheint es, als habe die Zeit eine kleine Pause eingelegt im Haus von Georg Frahnow. Stille hier, obwohl die Fenster auf eine Straße in der Peitzer Stadtmitte weisen. Spitzendeckchen, das Ticken eines Regulators, Familienfotos mit Blaustich. Vier Kinder hat Georg Frahnow, zwölf Enkelkinder – und eine große Schar von Wenden, die in den Dörfern der Lausitz auf seinen Beistand warten. Von Andrea Hilscher

„Dabei“ , so sagt er mit einem für ihn typischen breiten Lachen, „dabei wollte ich eigentlich immer nur Landmann werden.“ Als sechstes Kind, als „Nesthäkchen“ seiner Eltern geboren, sollte er die Landwirtschaft der Familie übernehmen.
Doch LPG, das passte nicht in seinen Traum. Er suchte nach neuen Lebenswegen, fand, irrte, wurde gebremst und wieder nach vorne geschoben. Beim DRK in Cottbus arbeitete er, wurde dann, wie er es nennt, „in kirchlichen Dienst berufen“ , als Prediger der Gnadauer Gemeinschaft. Ausbildung an der Bibelschule, „kirchlich nicht anerkannt“ , trotzdem nicht kirchenfern - „wir haben uns das Missionieren, die Evangelisation, den Kampf gegen die Anonymität innerhalb der Christengemeinschaft auf die Fahnen geschrieben.“
Arbeit erst in Drebkau, dann Entsendung nach Senftenberg. „Mit Tränen sind wir dorthin gezogen, hatten doch schon zwei Kinder. Und dann rein in diese Kohle-Welt.“
1986 Umzug ins Mecklenburgische. Religion als Lebensinhalt, das Wendische in den Hintergrund gerückt. „Bis ich 29 war, habe ich zu Hause gelebt, wendisch gedacht, geträumt, geflucht.“ Doch danach„ Mit wem reden“ „Zu DDR-Zeiten wurde uns der Sorbenbegriff übergestülpt. So, als wenn man Polen zu Russen macht - gar nicht schön.“ Die Sorben, für ihn die „Intellektuellen“ , oft auch die „Kommunisten“ . Die Wenden dagegen „fromme Bauern, einfache Menschen vom Land.“ Er kann gut mit diesen Menschen. Wollte und will ihnen das Wort Gottes näher bringen, ihre Einsamkeit lindern, trösten, lachen. Auf Wendisch, seit der Wende. „Da wurde ich plötzlich gebraucht, ich mit meiner Sprache. Hab mit 54 noch mal die Schulbank gedrückt, weil mein Wortschatz dem bäuerlichen Alltagsbedarf entsprang, die biblischen Worte fehlten.“
Also lernte er, übersetzte Kirchenlieder in seine Muttersprache, predigte auf den Dörfern, reist bis heute übers Land, hin zu den alten Frauen, die niemanden zum Reden haben. Er betet, er lacht mit ihnen, isst und trinkt, ohne das geht es bei den Wenden nicht. Ein fröhlicher Prediger will er sein, Gott ist ihm Freude und Trost.
Vor ein paar Jahren, als er frühzeitig in den Altersübergang gedrängt wurde, da brauchte er diesen Trost. Geweint habe er aus Verzweiflung, gehadert. „Meine größte Lebenskrise.“ Ein Lied seiner Großmutter kam dem begeisterten Sänger in den Sinn. „Weiß ich den Weg auch nicht, Du weißt ihn wohl . . .“ Dieses Lied hat ihm geholfen, damals, und noch heute singt er es, wenn er sonst keinen Rat weiß, für die, die ihn bitten.
Trauer und Angst sind ihm, der so gerne lacht, wohl vertraut. Die Ehe, vor kurzem fast zerbrochen. „So einsam war ich da, so hungrig nach Ansprache und Gemeinschaft.“ Sein Ehrenamt ist ihm damals zur Rettung geworden - der Prediger konnte hin zu den Menschen, reden, seine eigenen Schmerzen lindern. Besser geht es ihm heute, die Frau ist wieder da, und auf seinen Überlandfahrten, „da wird geschnattert und gelacht, Kaffee getrunken nach dem Gottesdienst und gesungen, wendisch natürlich.“
Aber, und da ist der Gläubige ganz Realist: „Menschlich gesehen haben wir keine Zukunft. Gottesdienste werden das Volk nicht vor dem Aussterben bewahren. Als ich hier anfing vor zehn Jahren, gab es noch in jedem Dorf eine Frau in Tracht. Heute ist das alles vorbei.“
Still wird er, für einen Moment, dann lacht er wieder, ganz leise diesmal. So ganz mag er die Hoffnung auf eine Zukunft für die Wenden denn doch nicht fahren lassen. „Denn bei Gott ist schließlich nichts unmöglich.“

Biografie Liebe zum Wendischen
Georg Frahnow wurde am 5. September 1937 in Drehnow geboren.
Nach der Schule Arbeit in der Landwirtschaft,
1960 bis 1964 DRK Cottbus, anschließend Bibelschule und Predigtdienst.
1966 Übernahme der Predigtstelle Drebkau, dann 13 Jahre Senftenberg.
1986 bis 2000 Arbeit im Bezirk Schwerin,
Seit 1991 Einsatz als evangelischer Pfarrer für wendische Gottesdienste in der Lausitz.
Georg Frahnow ist verheiratet und lebt als Pfarrer im Ruhestand in Peitz.