Für Kloss, der sich schon früh für eine Laufbahn als Journalist entschied, ist das Wort "Krieg" längst aus dem Geschichtsbuch heraus in die Realität des eigenen Lebens gerückt: Gerade aus Bagdad
zurück, hatte er fünf Wochen für die ARD über den Irak-Krieg berichtet.
Erstaunlich groß wirkt er, wie er da sitzt in einer Leipziger Hotelhalle, fast altmodisch höflich, nur sein englisches "Hello", mit dem er Telefonanrufe beantwortet, zeigt, dass ein Teil von ihm noch nicht wieder zurück ist aus dem Irak. Fast rund um die Uhr hatte er als einer der wenigen deutschen Korrespondenten vor Ort aus Bagdad berichtet. Hatte versucht, Wahrheiten zu finden, das Dunkel der Propaganda beider Seiten zu erhellen. Das Gesicht mit den tiefdunklen Augenbrauen, die raspelkurzen Haare, auch seine sichtbare Nervosität, wenn die Bombeneinschläge während der Live-Übertragung zu nahe rückten - den Zuschauern in Deutschland haben sie sich eingeprägt.
Stephan Kloss ist erst 33 Jahre alt, trotzdem schon seit zwölf Jahren regelmäßig in Krisengebieten unterwegs. Bosnien, Kosovo, Afghanistan, der Kongo. Einer von denen, die immer wieder auftauchen, wenn sich das Medieninteresse fokussiert auf ein Land, eine Region. Riskieren unser LebenKrisentourist sei er, wird ihm manchmal vorgeworfen - Kloss reagierte früher wütend auf solche Einschätzungen seines Berufes und seiner Person, heute bleibt er etwas gelassener.
"Wir riskieren bei unserer Arbeit unser Leben. Wollen aufklären, Wahrheit finden und abbilden. Kriegsreporter fallen ja nicht einfach vom Himmel. Man muss irgendwann anfangen, muss viele Jahre unterwegs sein, um die komplexen Zusammenhänge und Hintergründe einzelner Konflikte halbwegs einschätzen zu können."
Er selbst hat seine ersten journalistischen Gehversuche als Volkskorrespondent der LAUSITZER RUNDSCHAU in Weißwasser unternommen, hat studiert in Leipzig,
Edinburgh und Madrid, arbeitete für die BBC, für verschiedene Zeitungen, für den MDR. Die vielen Auslandsaufenthalte, sie haben ihn dem näher gebracht, was er "Tiefgang" nennt. "Jedes Mal wächst die Erfahrung. Man taucht immer ein Stückchen tiefer ein, kann Parallelen ziehen, soziologische und psychologische Zusammenhänge erkennen."
Seine Eltern in Weißwasser haben seinen Beruf akzeptiert, auch seine Lebensgefährtin steht hinter ihm, "notgedrungen". "Aufklären wollen ist ein gutes Bedürfnis, darüber sind wir uns einig, und auch darüber, dass man dafür nicht blauäugig sein Leben riskiert."

Mehrfach Todesangst

Trotz seiner Bemühungen um Klarheit und Wahrheit - es bleiben Widersprüche. All seine Vorsicht, das weiß Kloss, ist kein Garant für das Überleben. Elf Kollegen starben im Irak, erfahrene, umsichtige Kollegen. Er selbst hat mehrfach Todesangst verspürt, "wenn der Boden unter mir schlingerte, die Wände wackelten während der Bombennächte". Seine Tochter ist fünf Monate alt. Würde er zulassen, dass sie später in seine Fußstapfen tritt? "Nein, wohl eher nicht. "

Kloss allerdings wird weiterhin seine Arbeit machen. Hier in Deutschland, beim MDR, bald auch wieder im Irak. Ende Mai wird er sein Buch "Mein Tagebuch aus Bagdad" veröffentlichen. Reflexionen über einen Konflikt, in dem er kein Gut und kein Böse fand, einfach ein "mysteriöser Krieg".
Mittlerweile hat Kloss gelernt, von "Krieg" auf "Frieden" umzuschalten. "Man muss ja auch zu Hause klarkommen", sagt er, "Alltag leben". Sein Alltag, das ist die Familie, sind Freunde, die Hobby-Fliegerei, die ihn in ihrer Freiheit und Selbstverantwortung dann doch wieder an den Beruf erinnert.
Arabisch will er nun mit Hochdruck lernen, um besser zu verstehen - wohl auch sich selbst. "Die Wiege der Menschheit liegt dort unten. Und wir haben sie bombardiert. Das wird unsere Welt dauerhaft verändern." " Wir", das meint den Westen, meint auch Amerika, das er für den MDR in seinem Internet-Tagebuch immer wieder heftig kritisiert hat. Einen illegalen Krieg nannte er die Angriffe, beschrieb Blut, Dreck und Schmerzen dieses angeblich "sauberen Waffengangs".
Stolz machen ihn die vielen kleinen Erfolge der vergangenen Wochen. Wenn er zeigen konnte, dass die Amerikaner längst nicht so weit vormarschiert waren, wie angegeben, wenn er Gegenwehr belegen konnte, wo die Amerikaner Ruhe vermeldeten. Seine Wahrheit, begrenzt. "Ich konnte ja immer nur das erzählen,was ich wirklich selbst gesehen hatte. Ein paar Kilometer weiter konnte es vielleicht schon wieder ganz anders aussehen." Er sagt selbst: "Es ist eine Illusion, dass Medien den Krieg beeinflussen können. Informieren über das, was da ist, mehr können sie nicht." Außer vielleicht schweigen, manchmal.

Zu viele Schicksale

In seinem Tagebuch schreibt Kloss: "Ich habe in diesem Krieg viele Schicksale gesehen. Vielleicht zu viele. Im Krankenhaus von Hilla, südlich von Bagdad, sah ich mehr als 300 Zivilisten, die von US-Streubomben verletzt worden waren. Am Eingang lag ein kleiner Junge, vielleicht zwei Jahre alt. Er war am Bein verletzt. Die Ärzte wollten ihm die Hose ausziehen, um uns Reportern die Wunden zu zeigen. Der Kleine schrie wie am Spieß - vor Schmerzen und aus Angst vor den vielen Leuten um ihn herum. Ich hätte fast angefangen zu heulen. Einige Kollegen wollten fotografieren. Ich habe sie beiseite gedrückt und gebeten, den Jungen zu
verschonen."

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Biografie: Berichten über Krieg und Frieden

Stephan Kloss wurde am 1. Oktober 1969 in Torgau geboren. Während der Schulzeit Arbeit als Volkskorrespondent der LAUSITZER RUNDSCHAU in Weißwasser,
später Redaktionsassistent. 1991 bis 1997 Journalistik-Studium in Leipzig, Soziologie und Politik in Edinburgh und Madrid. Seit 1992 freiberuflich im Ausland unterwegs,
Stammredaktion: MDR-Aktuell. Stephan Kloss lebt mit Freundin, Sohn und Tochter in Leipzig. ...................................................................................................................................