Im von der Unesco ausgerufenen Jahr der Kartoffel machen Lima und Santiago den Erdapfel zum Zankapfel, denn beiden geht es um die Ehre, Land der Ur-Knolle zu sein. Einer der Auslöser war ein Eintrag auf der Internetseite der UN-Wissenschaftsorganisation, demzufolge der erste Kartoffelacker vor rund 7000 Jahren am heute zu Peru und Bolivien gehörenden Titicaca-See lag.
Chiles Landwirtschaftsministerin Marigen Hornkohl wollte das jedoch nicht durchgehen lassen. Hornkohl intervenierte: Die Ur-Kartoffel stamme von der chilenischen Insel Chiloé. DNA-Analysen belegten, dass fast alle der zig in den Niederlanden marktüblichen Kartoffel-Sorten aus Chile kämen. Tatsächlich trugen ähnliche Umweltbedingungen wie Höhenlage und Lichtstunden dazu bei, dass die chilenische Kartoffel einen Siegeszug in Europa feierte. In Deutschland verhalf Friedrich der Große der "Tartoffel" Mitte des 18. Jahrhunderts zum Durchbruch.
Doch in Peru fand Hornkohls Beweisführung erwartungsgemäß wenig Zustimmung. Schon hatten die ewigen Anden-Rivalen nach vergangenen militärischen Schlachten und ihrem Dauerzwist um die Frage, wer den wahren "Pisco"-Schnaps destilliere, ihr nächstes Streitthema. Chile wolle sich "7000 Jahre landwirtschaftliches Urheberrecht" aneignen, schrieb Kommentator César Hildebrandt in der Zeitung "La Primera". Andere Blätter warfen dem Nachbarland vor, die "peruanische Kartoffel zu stehlen" und verwiesen unter anderem auf die Causa Pisco.
"Die chilenische Kartoffel stammt von der peruanischen ab. Keine Frage", sagte Juan Risi Carbone, Chef des Forschungsinstituts am Landwirtschaftsministerium in Lima. Chiles Knolle sei nichts weiter als ein "kleiner Enkel" des peruanischen Originals. Die ruhmreiche erste Solanum tuberosum sei so peruanisch wie die Inka-Siedlung Machu Picchu in den Anden. Zu Hilfe kam den Peruanern bereits vor drei Jahren der US-Forscher David Spooner, der die Wurzeln der Ur-Kartoffel in Peru verortete.
Natürlich pflegt auch das Internationale Kartoffel-Zentrum in Lima den Mythos, billigt aber Chile immerhin zu, mehr Kartoffeln unter die Menschheit gebracht zu haben. Es sei unbestreitbar, sagte ein Experte des Zentrums, dass Dreiviertel der außerhalb der Andenregion wachsenden Kartoffeln genetisch von den Gewächsen auf der chilenischen Insel Chiloé abstammten. Aber ebenso unbestreitbar sei, dass die Anden-Knollen und die "chilotanum" eine einzige Vorgängerin hätten. Zudem bescheinigt das Zentrum dem eigenen Land, mit rund 3000 Kartoffelsorten die weltweit größte Knollen-Vielfalt.
Hinter all der Faktenhuberei verberge sich "ein nationalistischer Streit", räumt ein Experte ein. Deshalb dürfte der Streit auch über das Unesco-Jahr der Kartoffel hinaus weitergehen - und je länger er dauert, desto hellhöriger wird das Kartoffelland Bolivien.