Von André Bochow

Traurige Kinderaugen blicken uns aus der „Bild“-Zeitung entgegen. Sie gehören Jette. Jette ist acht Jahre alt und sagt: „Der böse Wolf hat meine Schafe gefressen.“ Andere Überschriften lauten: „Es muss wohl erst ein Kind sterben.“ Oder: „Das Verbot, Wölfe zu schießen, ist verantwortungslos.“ Keine Frage, der Wolf ist zur größten Bedrohung für Deutschland geworden. Oder ist es doch der Biber?

Der war in Deutschland praktisch ausgerottet. Sein Fell und sein Fleisch waren einfach zu begehrt. Im Mittelalter half sogar der Papst dabei, die Population des Nagers zu dezimieren. Um bei seinem Verzehr keine Fastengebote zu brechen, erklärte der Vatikan den Biber zum Fisch. Im 20. Jahrhundert wurden die restlichen Biber dann geschützt und neue ausgewildert. Mittlerweile soll es 30 000 Exemplare in Deutschland geben. Weil sie sich durch Deiche wühlen und Baumstämme bis zu einem Meter Dicke mühelos fällen, häufen sich besorgniserregende Meldungen.

Im Landkreis Oder-Spree, in der Ziltendorfer Niederung, musste eine Straße gesperrt werden, weil sie abzurutschen drohte, nachdem ein Biber dort gegraben hatte. Der zuständige Amtsdirektor Danny Busse erklärte, in den vergangenen drei Jahren 110 000 Euro für die Beseitigung von Straßenschäden ausgegeben zu haben. Schäden, die Deutschlands größtem Nager zu verdanken sind. „Das, was ich da ausgebe, unnötigerweise, wie ich finde, kann ich nicht in Kitas und Schulen stecken“, sagte er im RBB-Fernsehen. Unnötig findet der Amtsdirektor die Zerstörungen, weil man den Biber jagen könnte, es aber nicht dürfe. Das untersagt europäisches Recht. Ausnahmen sind allerdings möglich.

Und so können Biber mehr oder weniger ungestört Bäume fällen und Deiche errichten. Im Berliner Tiergarten senkten sie die Pegelstände der dortigen Gewässer im vergangenen Sommer um bis zu 40 Prozent. Experten gehen davon aus, dass die Tiere auf den gesunkenen Wasserstand der Spree reagierten und sich Flächen sichern wollten.

An staatlichem Engagement fehlt es allerdings nicht. „Bibermanagement“ ist in vielen Bundesländern so selbstverständlich wie es Wolfsmanagement, Wolfsbeauftragte oder Bundestagsdebatten über den Wolf sind. Am Donnerstag wurde im Bundestag über Gevatter Isegrim debattiert. Vor allem die FDP und die AfD wollen ihm an den Pelz. Der AfD-Bundestagsabgeordnete Karsten Hilse aus Bautzen fragt zum Beispiel: „Warum zeigen die gegenwärtig in Deutschland neu angesiedelten Wölfe teilweise sehr wolfsuntypische Verhaltensweisen, wie den Verlust der Scheu vor dem Menschen und den Aufenthalt in menschlichen Siedlungsgebieten?“ Die Wortwahl verrät nicht, dass die selbstständige Einwanderung des Wolfes anerkannt, wohl aber, dass er so oder so als wenig schützenswerter Eindringling betrachtet wird. Im Übrigen wird unterstellt, der Wolf sei gar kein richtiger Wolf, was ihn zum Abschuss freigeben soll.

Überhaupt erwacht angesichts der tierischen Bedrohung die Jagdleidenschaft. In Stahnsdorf (Potsdam-Mittelmark) etwa will man Wildschweine künftig mit Pfeil und Bogen jagen. Auf den „Schwarzwild-Infoseiten“ der Gemeinde heißt es zwar, dass zwischen dem 1. April 2017 und dem 30. März 2018 „so viele Wildschweine geschossen wurden wie nie zuvor“, nämlich 90 000 Tiere. Aber das reicht den Stahnsdorfern nicht. Da die Rotten gern am helllichten Tag durch den Ort spazieren, die Bejagung mit Schusswaffen dort aber nicht möglich ist, hat Bürgermeister Bernd Albers (Bürger für Bürger) beim Landesumweltministerium eine Sondergenehmigung für die Pfeil- und-Bogen-Jagd beantragt. Ausgang offen. In Deutschland wäre sie ein Novum, in 17 europäischen Ländern ist die archaische Jagdmethode erlaubt.

Ob Wildschwein, Biber, Wolf, Luchs, Kormoran, Kegelrobbe oder Fischadler – die Natur scheint mit Macht zum Wiedergutmachungsschlag ausgeholt zu haben. Dabei gerät die Tierwelt mit den Menschen immer öfter in Konflikt. Kormorane und Robben fressen zu viel Fisch, Kraniche fallen über die Saaten her, Biber sorgen für Überschwemmungen. Aber kein Tier beschäftigt uns so sehr wie der Wolf. „Das hat mit Geschichte, Märchen und Mythen zu tun“, sagt Andreas Kinser von der Deutschen Wildtierstiftung. Früher allerdings hätte es eine ganz reale Basis für die Angst gegeben. „Man muss sich vorstellen, im 17. und 18. Jahrhundert hatten wir auf unserem Territorium vermutlich deutlich weniger große Wildtiere als heute. Das führte dazu, dass Wölfe viel häufiger ungeschützte Nutztiere rissen.“

Die Schweizer Psychologin Uta Jürgens sieht ein Problem darin, dass viele Menschen glauben, die Natur müsse sich ihnen anpassen. „Die meisten Menschen in der westlichen Welt verstehen sich als Mittelpunkt“, sagte sie „National Geographic“. Kontrollverlust ist ein weiteres Thema. Nicht zuletzt beim Wolf. „Wir sehen in ihm unseren Hund, der sich jedoch nicht so einfach kontrollieren lässt“, sagt Jürgens. „Das macht uns Angst.“

Interview mit Andreas Kinser von der Deutschen Wildtier Stiftung Artenrückkehr verzerrt die Realität

Cottbus