Der bundesweite Zerfall der Piratenpartei hat nun auch Brandenburg erreicht: Am Donnerstag erklärte der Landesvorsitzende, Michael Hensel, überraschend seinen Rücktritt. Der erst im vergangenen Jahr mit über 80 Prozent der Stimmen wiedergewählte, 35-jährige Informatiker begründete seinen Schritt mit Überlastung: "Der dringend notwendige Spaß bei der Ausübung dieses Ehrenamts ist mir in den letzten Monaten immer weiter abhanden gekommen und letztlich nahezu verloren gegangen", sagte Hensel. "Ich benötige Zeit für mich privat." Bis zur Wahl eines neuen Vorsitzenden wird Hensels bisherige Stellvertreterin, die 26-jährige Clara Jongen, die Leitung des Landesverbands übernehmen. Doch die Überlastung des Landesvorsitzenden dürfte nur ein Grund für seinen Rücktritt darstellen.

Zwar ist die Zahl der verlässlich engagierten Brandenburger Piraten tatsächlich eher übersichtlich: Wenige aktive Vorstandsmitglieder bauten in den letzten Jahren quasi im Alleingang einen funktionierenden Landesverband auf. Doch in den letzten Monaten erreichte der bundesweite Streit bei den Piraten auch den bisher eher sachlich arbeitenden Landesverband in Brandenburg. Die im Internet zugänglichen Protokolle der Vorstandssitzungen enthalten bei fast jeder Sitzung Anträge, gegen einzelne Mitglieder der Partei Ordnungs- und Disziplinarmaßnahmen durchzusetzen. Das Klima bei Twitter und auf der Mailingliste der Partei verschärft sich zunehmend. Und schon im Dezember erklärten die bisherigen Presseverantwortlichen der Partei, Melanie Rotsch und Rico Bogacz, ihren Rücktritt. Auch damals standen Vorwürfe mangelnder Unterstützung und schlechten innerparteilichen Klimas im Raum.

Hensel dagegen setzte in den letzten Jahren auf Sacharbeit. Im Unterschied zu anderen Landesverbänden gelang es den Brandenburger Piraten, die Aufstellung ihrer Kandidatenliste für die Bundestagswahl ohne großes Chaos durchzuführen - auch wenn damals schon Gräben sichtbar wurden: Denn während die Brandenburger Realpolitiker den eher unbekannten, lokalen Kandidaten Veit Göritz zu ihrem Spitzenkandidaten wählten, setzte die Netzgemeinde auf die bundesweit bekannte Internetaktivistin Anke Domscheit-Berg, die am Ende Platz zwei erhielt. Und über Twitter entluden sich die Emotionen.

Ähnliches erleben die Politfreibeuter derzeit auch in anderen Landesverbänden. Erst vorgestern hatte der Piratenchef in Baden-Württemberg sein Amt niedergelegt, anschließend trat er aus der Partei aus. Er war von den eigenen Mitgliedern im Internet bedroht worden.

So schlimm ist es in Brandenburg noch nicht. Doch auf Clara Jongen warten in den nächsten Tagen keine einfachen Aufgaben: Denn im Herbst steht die Bundestagswahl vor der Tür - und die Chancen der Piraten sinken und sinken.