Knallende Sektkorken, strahlende Mienen, lobende Worte des Bürgermeisters - im Lehrerzimmer der Oberschule in Ortrand (Oberspreewaldlausitz-Kreis) feierte das Kollegium diese Woche einen Etappensieg gegen das drohende Aus. 42 Schüler haben sich für das neue Schuljahr angemeldet. Das reicht für zwei neue siebte Klassen und sichert der Schule zunächst die Existenz, die im vergangenen Jahr noch gefährdet schien.
Schulleiter Karsten Ziemann erinnert sich ungern: „30 Anmeldungen hätten uns gereicht.“ Eigentlich müssen es 40 sein. Wenn eine Stadt im ländlichen Raum aber nur noch eine weiterführende Schule hat, genügen dem Bildungsministerium 30. Die Ortrander Oberschule kam auf 29.
Seine Lehrer, so Ziemann, hatten die Schüler ein- oder zweimal die Woche unbezahlt in Arbeitsgemeinschaften betreut, sie hatten trotz dünner Personaldecke fast keinen Unterrichtsausfall zugelassen. „Und dann fehlt dir ein einziger Schüler.“ Den fußballbegeisterten Schulleiter erinnerte das in seiner Tragik an die Champions-League-Partie von Werder Bremen in Turin, als Torwart Tim Wiese der Ball aus den Armen kullerte und ein Gegenspieler die Bremer in letzter Minute aus dem Wettbewerb schoss.
Noch ein Jahrgang ohne siebte Klassen hätte sicher das Aus der Schule bedeutet. Karsten Ziemann hätte noch einmal die Schule wechseln müssen. Vor drei Jahren, erzählt er, war es ihm ergangen wie so vielen Schulleitern zwischen Herzberg und Forst. Er wurde „umgesetzt“ , weil seiner alten Schule der Schülernachwuchs ausging. 16 Jahre lang war der 46-Jährige stellvertretender Leiter der Realschule in Lauchhammer (OSL) gewesen. 2005 machte die Stadt aus Real- und Gesamtschule eine Oberschule. Für beide Einrichtungen gab es zu wenig Schüler. Den Chefposten bekam der bisherige Leiter der Gesamtschule: Gerhard Bierhold, der vorher in Schipkau Direktor war - bis die dortige Gesamtschule geschlossen wurde. Zur Stellvertreterin Bierholds an der neuen Oberschule in Lauchhammer machte das Schulamt Simone Lösker, die aus Uebigau im Elbe-Elster-Kreis kam. Denn auch die Uebigauer Gesamtschule überstand den Geburtenknick nicht.

Solide Berufsvorbereitung
In Ortrand hatte Karsten Ziemann die Konkurrenz in Ruhland und in Lauchhammer im Blick. Beide Schulen machen den Schülern Ganztagsangebote. Die jedoch, so Ziemann, seien im ländlichen Raum gar nicht so gefragt. Die freiwillige Teilnahme an Arbeitsgemeinschaften, in denen Schüler nachmittags Zinn gießen, Schiffsmodelle bauen oder Schwedisch lernen, reiche aus. Daneben will sich die Ortrander Einrichtung durch solide Berufsvorbereitung profilieren. Ziemann: „Alle unsere Abgänger bekommen auch eine Lehre.“ Ortrand hat eine sensationell geringe Arbeitslosenquote von fünf Prozent. Eisenhütte, BASF und Takraf bieten in der Umgebung viele Lehrstellen.
Ein Wermutstropfen allerdings verbitterte dem Pädagogen den Sektgenuss: Wenn 42 neue Schüler kommen, die Schule zugleich 66 Zehntklässler verliert, hat die Einrichtung eine Lehrkraft zuviel. Jeder hat seine Arbeitsstundenzahl schon reduziert. Da könne man nichts mehr machen, sagt Ziemann. Irgendein Kollege muss gehen. Jemand, mit einer Fächerkombination, auf die man noch am ehesten verzichten kann. Dem das zu sagen, sei „nicht schön“ .
Wahrscheinlich wird der betroffene Kollege an eine Grundschule gehen. Denn die nehmen zum neuen Schuljahr im Süden Brandenburgs 100 Lehrer auf, die jetzt noch an weiterführenden Schulen unterrichten. Die Primarstufe hat nach Jahren des Grundschul-Sterbens das demografische Tief überstanden und bekommt wieder mehr Schüler. 19 000 sind es zum neuen Schuljahr, 1000 mehr als im Vorjahr. Die Jahrgangsstufen sieben bis zehn dagegen verlieren 2400 Schüler. Erstmals erleben auch die gymnasialen Oberstufen mit den Jahrgangsstufen elf bis 13 einen Schwund und verlieren 500 Schüler, heißt es aus dem Schulamt.
Die Folgen für die weiter führenden Schulen in Südbrandenburg sind klar: Lehrer müssen den Arbeitsplatz wechseln, einige Schulen um ihre Existenz bangen. Fünf Oberschulen im Süden Brandenburgs sind angezählt, weil sie zum neuen Schuljahr zum zweiten oder dritten Mal keine siebten Klassen bilden können. Dort werden sich die Schulträger etwas einfallen lassen müssen. Daneben ist das Aus für 13 weitere Oberschulen oder Gymnasien in Südbrandenburg schon beschlossen. Sie dürfen gar nicht mehr angewählt werden.
Auch im Ostsächsischen sind die Grundschulen aus dem Gröbsten raus. Beispiel Hoyerswerda: Dort haben die Eltern an den fünf Grundschulen 270 Kinder angemeldet - 48 mehr, als die vierten Klassen verlassen. Im gesamten Bereich der Regionalstelle Bautzen der sächsischen Bildungsagentur - von Lauta bis Zittau und Görlitz bis Dresden - blieb nur eine Grundschule in Burgneudorf (Landkreis Kamenz) unter dem Soll von 15 Anmeldungen.
Ganz anders - und vergleichbar mit Südbrandenburg - ist die Situation ab der Jahrgangsstufe fünf. Obwohl seit 2000 mehr als die Hälfte aller weiterführenden Schulen in Ostsachsen schließen mussten, geht das Zittern für die übrig Gebliebenen weiter. Die Mittelschulen in Lohsa, Wittichenau (beide Landkreis Kamenz) und Schleife (Niederschlesischer Oberlausitzkreis) liegen unter dem Soll von 40 Anmeldungen, heißt es aus der Regionalstelle Bautzen. Der Kampf um den Nachwuchs wird noch härter, weil einige Kommunen zum neuen Schuljahr nicht staatliche Schulen in freier Trägerschaft anstreben - so in Oßling (Kamenz) und Boxberg (NOL). Eine Sprecherin des sächsischen Bildungsministeriums bestätigt, dass auch im Freistaat Lehrer zum neuen Schuljahr den Arbeitsplatz wechseln müssen. Wie viele von einer „Abordnung“ betroffen sein werden, stehe allerdings noch nicht fest.
Indes hat Sachsen zumindest seinen Teil getan, um die Schülerströme besser zu kanalisieren und so auch die Mittelschulen vor der Konkurrenz der beliebteren Gymnasien zu schützen. Im Freistaat nämlich mussten Viertklässler einen Notendurchschnitt von 2,0 aufweisen, um ein Gymnasium besuchen zu dürfen. 2005 hat Sachsen den Anspruch etwas aufgeweicht. Ein Schnitt von 2,5 reicht seither aus.

Von Sachsen gelernt
Brandenburg scheint nun von seinem Nachbarland im Süden gelernt zu haben. Ab dem nächsten Jahr, so Stephan Breiding vom Potsdamer Bildungsministerium, brauchen Grundschüler in Deutsch, Mathematik und der ersten Fremdsprache einen Schnitt von 2,3 für den Sprung aufs Gymnasium. Eine Hürde, die der Ortrander Schulleiter Karsten Ziemann sehr begrüßt. Viele Oberschulen müssten jedes Jahr Schüler aufnehmen, die am Gymnasien überfordert waren. „Wäre diese Regelung nur früher gekommen“ , sagt Ziemann, „dann hätten mehr Oberschulen überleben können.“

Hintergrund Von Schließung bedrohte Einrichtungen
  Die Oberschule in Drebkau (Spree-Neiße) bekommt bereits zum dritten Mal keine siebten Klassen.
Die Oberschulen in Peitz und Spremberg (Spree-Neiße), in Schlieben und Doberlug (Elbe-Elster) und in Dahme (Teltow-Fläming) verfehlen zum zweiten Mal das Mindestsoll an Schüler-Anmeldungen.
Das erste Mal nicht einschulen können die Oberschulen in Ruhland und Großräschen (Oberspreewald-Lausitz) sowie in Cottbus-Sandow .
In Ostsachsen fehlen den Mittelschulen in Lohsa und Wittichenau (Kamenz) sowie in Schleife (Niederschlesische Oberlausitz) genug Anmeldungen, um fünfte Klassen zu bilden.