Fast täglich werden öffentlich die Fronten neu abgesteckt.
Selbst dem "Spiegel" waren die bisher selten beleuchteten Wettiner eine Seite wert. Unter Mitgliedern des ehemaligen sächsischen Königshauses ist der seit Jahren schwelende Streit um Erbfolge, Geld, Macht und Einfluss nun offen ausgebrochen.
Das Motto "Adel verpflichtet" und mit ihm Diskretion und Anstand scheinen die Elbe hinuntergeschwommen zu sein. Vorwürfe, Angebote, Rechtfertigungen, Beleidigungen, Appelle und brisante Schriftstücke flattern per Zeitungs-Interview, Artikel oder Anzeigen, Post oder Telefon hin und her - manchmal in wenig vornehmem Ton. Der Kampf um den Thron, der seit 1918 mit Verzicht von König Friedrich August III. (1865-1932) nur noch im Museum steht, droht eines der ältesten Fürstenhäuser Europas zu zerreißen.

Generationskonflikt
Zum Bruderzwist zwischen dem Chef des Hauses, Maria Emmanuel Markgraf von Meissen, und dem jüngeren Bruder Prinz Albert kommt der unausweichliche Generationskonflikt. Für die Öffentlichkeit sichtbar wurde dieser erstmals, als es was zum Verteilen gab: den Erlös aus dem Verkauf der Kunstgegenstände, die die 1924 abgefundenen und 1945 vertriebenen Wettiner zurückerhalten sollten. Den Abschluss der über Jahre ausgehandelten Vereinbarung verzögerte 1999 Prinz Albert, indem er indiskutable Forderungen stellte.
Inzwischen geht es um mehr als den Verkauf von Pretiosen und Grundstücken: die Erbfolge. Dabei hatte der Familiengipfel 1997 in Ermangelung eines möglichen Kandidaten -weder der Markgraf noch Bruder Albert oder die Cousins Dedo und Gero haben Kinder -einem legitimen Kunstgriff zugestimmt. Auch der Sohn von deren verstorbenem Bruder Timo, Prinz Rüdiger, kam nach Ansicht aller Mitglieder wegen unadligen Lebenswandels und der nicht standesgemäßen Mutter nicht in Frage.
Der Markgraf brachte den in Mexiko lebenden Neffen, Sohn seiner Schwester Prinzessin Maria Anna von Sachsen ins Spiel: Für Prinz Alexander fiel die Entscheidung einstimmig, beglaubigt von einem Notar. Zwei Jahre später adoptierte der Hauschef seinen Nachfolger. "Das ist nach königlich-sächsischem Hausrecht seit 1922 möglich", so der Markgraf. Prinz Alexander zog mit Frau Gisela, einer Wittelsbacherin, und Kindern in die einstige Residenz seiner Vorfahren.
Wie bei den Windsors verströmten "König" und "Kronprinz" samt Anhang auf Familienfotos traute Einigkeit. Seit einem Zeitungsbericht des bis dahin unbekannten Prinz Rüdiger aus Köln ist es mit der Ruhe vorbei. Darin nahm der 48-Jährige kein Blatt vor den Mund: Er sei mit der Wahl nicht einverstanden, beanspruche den "Thron" für sich. Der erste Angriff ebbte jedoch alsbald ab. Beim zweiten Aufschrei des ungeliebten Königs-Urenkels fielen einige seiner Verwandten ein.

Kompetenz abgesprochen
Sie sprachen dem Markgrafen die Kompetenz als Hauschef ab. Der auf Tradition und in Fürstenhäusern übliche Etikette Wert legende Enkel des letzten sächsischen Königs erhielt böse Depeschen. Nach Gründung zweier Vereine und der Misstrauenserklärung verlor der 78-jährige Markgraf die Contenance: "Die Regelung meiner Nachfolge war in jeder Beziehung korrekt." Die Attacken seien "würdelos und widerlich" und das Fürstenhaus kein Fußballverein. "Wir Wettiner sind keine Schmarotzer oder Jetset-Adlige!"
Vehement verteidigte er Wahl und Adoption, machte auf der Gegenseite Habgier, Eitelkeiten und parasitäres Denken aus, streckte aber vor dem Hintergrund einer Reorganisation des Hauses die Hand zur Versöhnung aus. Nach dem Donnerwetter erklärten sich die "Abtrünnigen" zumindest loyal gegenüber Haus und Familie. Vorerst letzter Akt: Der Hauschef bot ihnen die Aufnahme in den Oktober 2002 gegründeten Verein "Vormaliges Sächsisches Königshaus" an, Auffangbecken für alle Wettiner der Albertinischen Linie.
"Wer dies nicht will, dem werde ich auch nicht gram sein", gibt sich der Markgraf versöhnlich. Hat er doch die Vereinssatzung als "Familienverfassung" deklariert, die das Hausrecht von 1837 heutigen Bedürfnissen anpasse: "König" und "Thronfolger" sind darin den Bezeichnungen "Chef des Hauses" und "Stellvertreter" gewichen. Dabei hatten findige Getreue kürzlich herausgefunden, dass der letzte König 1918 mit den Worten "Ich verzichte auf die Krone" nur für seine Person, nicht aber für das Haus Wettin abdankte.

Lieber in den Landesdienst
Für einige Grund genug, einen bis heute legitimen Anspruch der Wettiner auf den Thron zu proklamieren. Prinz Alexander stellt seine Erfahrungen als Unternehmer seit Februar lieber in den Dienst des Landes, als auf die Krone zu hoffen. Als Ansiedlungsbeauftragter des Freistaates wirbt er Investoren für Sachsen.
Die erste Hürde im neuen Job nahm er elegant und gelassen: "Einfach Prinz Alexander", antwortete er auf die Frage von Journalisten nach der "richtigen" Anrede.