Das Wort Heilung will niemand in den Mund nehmen, aber die Medizin könnte die Volkskrankheit Krebs zumindest besser in den Griff bekommen: Experten sehen in der sogenannten personalisierten Krebsmedizin die Waffe der Zukunft im Kampf gegen die tückische Krankheit. Grundlage ist dabei eine tiefgehende Aufschlüsselung der Tumorzellen, von der sich die Mediziner neue Ansatzpunkte für individuellere Krebstherapien erhoffen. "Ich glaube, dass wir vor einer neuen Ära der Krebsmedizin stehen in den nächsten zehn, zwanzig Jahren", sagt der Vorstandschef des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg, Otmar Wiestler, anlässlich des Weltkrebstages am heutigen 4. Februar.

Komplette Analyse

Noch steht dieser Zweig der Medizin relativ am Anfang. Möglich geworden ist der Fortschritt überhaupt erst durch den Durchbruch bei der Entzifferung des menschlichen Genoms Anfang des Jahrtausends. Tumorzellen können heute komplett analysiert werden, man spricht von einer Totalsequenzierung.

Denn Krebs ist nicht gleich Krebs. "Es gibt 200 verschiedene Krebsarten, und jede davon kann wiederum von Patient zu Patient individuell ausfallen", sagt Wiestler. Mit der Sequenzierung gelingt es nun aber, minimale Veränderungen in den Tumorzellen zu finden, die bei einzelnen Gruppen von Krebspatienten gleich sind. Das ist der Ansatzpunkt für sehr viel zielgenauer ansetzende Therapien.

Erste Erfolge gibt es bereits, etwa bei der Behandlung von Brustkrebs oder dem schwarzen Hautkrebs. Die Experten gehen aber nicht davon aus, dass die durch Genanalysen entwickelten Wirkstoffe klassische Krebstherapien verzichtbar machen werden. "Chemotherapie wird es auch künftig geben", sagt der Vorstand der Roche Pharma AG, Hagen Pfundner. Aber man werde sie dosierter als bisher einsetzen können.

Gewaltige Datenmassen

Neue wissenschaftliche Möglichkeiten werfen auch neue Fragen und Risiken auf. Bei der Totalsequenzierung der Zellen gewinnt man gewaltige Datenmassen, die nicht nur Auskunft über den Krebs geben. Sondern zum Beispiel auch Hinweise liefern, ob der Patient Erbkrankheiten in sich trägt. Soll man ihm das sagen? Muss man ihm das sagen? Was darf man mit den Daten machen? "Da gehen die Meinungen weit auseinander", sagt der Leiter der Abteilung Molekulare Genetik des DKFZ, Peter Lichter. In Heidelberg gibt es eine Ethikkommission, die diese Fragen beantworten will. Und dann wäre da noch die Gretchenfrage des deutschen Gesundheitssystems: Wer soll das bezahlen? Die Totalsequenzierung der Zellen kostet relativ viel Geld, die Speicherung der riesigen Datenmengen verlangt gewaltige Kapazitäten. Auch die Medikamente werden pro Patient eher teurer, weil die Patientengruppe kleiner wird, zugleich aber die Forschungs- und Entwicklungskosten für die Pharmaindustrie vergleichbar sind mit denen bei anderen Medikamenten. Roche-Mann Pfundner macht folgende Rechnung auf: Die Kosten pro Patient würden vielleicht höher, gleichzeitig könnten aber Fehlbehandlungen vermieden und damit wieder Geld gespart werden.

Die Krankenkassen bremsen die Euphorie etwas. Wo es einen Nachweis des Nutzens gebe, zahlten die Kassen auch heute schon für solche Medikamente, erläutert der GKV-Spitzenverband der gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen. In vielen Fällen sehe es aber so aus, dass es "nur kleine Verbesserungen bei der Behandlung" gebe, dafür aber relevante Kosten anfielen. Eine generelle Entscheidung zur Kostenübernahme könne es daher nich t geben.

Zum Thema:
Über die Risikofaktoren sind etliche unbestätigte oder falsche Theorien im Umlauf. Das mag erklären, warum sich laut einer repräsentativen Umfrage der "Apotheken Umschau" manche Theorien zu Krebsrisiken hartnäckig halten, obwohl sie bisher wissenschaftlich nicht erwiesen oder nach derzeitigem Kenntnisstand sogar falsch sind. Beispielsweise gibt es bislang keinerlei wissenschaftliche Belege dafür, dass das Tragen zu enger Hosen oder Jeans bei Männern das Hodenkrebs-Risiko erhöht, auch wenn dies nicht sicher auszuschließen ist. Dennoch sind vier von zehn (42,1 Prozent) der Befragten davon überzeugt. Fast vier von zehn (37,2 Prozent) halten beispielsweise Nahrungsmittel mit dem Süßstoff Aspartam für ein Tumorrisiko. Mehr als jeder vierte Befragte (28,1 Prozent) glaubt, dass das Tragen enger Büstenhalter das Brustkrebsrisiko bei Frauen erhöht - auch das eine Aussage, die nicht haltbar ist. 33 Prozent der Befragten befürchten Gesundheitsrisiken durch häufiges Telefonieren mit dem Mobiltelefon.Unabhängig von einem wissenschaftlichen Nachweis können sich Interessierte beim deutschen Bundesamt für Strahlenschutz erkundigen, worauf man achten sollte, um eventuelle langfristige gesundheitliche Risiken zu verringern.