"57 Prozent
aller Eltern
wären bereit,
für eine Ausbildung
zu bezahlen, damit
aus ihren Kindern
etwas Ordentliches
wird."
 Wolfgang Goldstein,
Mittelschulleiter Schleife


Sie sitzen nicht zum ersten Mal zusammen. Der Mittelschulleiter Wolfgang Goldstein, Bernd Juskowiak aus dem Gemeinderat und Roswitha Rodig, Geschäftsführerin einer Ausbildungsgesellschaft aus Weißwasser. Seit vier Jahren treffen sich die drei regelmäßig in Goldsteins Arbeitszimmer. Brüten über Plänen und Akten, rechnen, treffen sich mit Politikern, mit Vertretern des Arbeitsamtes und der Handwerkskammer. Denn sie haben einen Traum.
„Wir sind ja in einer ganz verrückten Situation“ , erklärt Schulleiter Goldstein. „Wir bekommen schon heute die Vorboten des Fachkräftemangels zu spüren und haben trotzdem jedes Jahr viel zu viele Schulabgänger, die in der Region keinen passenden Ausbildungsplatz finden. Die sitzen dann entweder auf der Straße oder sie wandern ab.“
Um solche Schüler geht es, die solide durchs Schuljahr kommen, aber trotz aller Bemühungen keinen Spitzenabschluss schaffen. „Das sind Jungs, die gerne hier bleiben möchten und etwas Ordentliches lernen. Maurer, Tischler oder Klempner. Aber die Ausbildungsbetriebe in Schleife und Umgebung kann man fast an einer Hand abzählen. Und denen fehlt oft auch noch das Geld, um regelmäßig Lehrlinge anzunehmen“ , sagt Bernd Juskowiak.
Der Rentner hat früher im Baustoffhandel gearbeitet, kümmert sich jetzt als Handballtrainer um die Jugendlichen vor Ort. Er kennt ihre Probleme. „Die Jungs haben vielleicht mit Zahlen und Rechtschreibung nicht so viel am Hut, aber sie haben tolle handwerkliche Fähigkeiten. Genau solche Leute werden wir in spätestens fünf Jahren hier Hände ringend suchen“ , so Juskowiak.
„Deshalb suchen wir nach einem Weg, die jungen Leute hier in der Gegend auszubilden“ , sagt Geschäftsführerin Roswitha Rodig. Sie leitet eine Ausbildungsgesellschaft in Weißwasser, könnte gemeinsam mit den Betrieben vor Ort rund 80 Lehrlingen eine handwerkliche Ausbildung bieten. Zusammen mit ihren Mitstreitern Juskowiak und Goldstein hat sie ein Konzept zur dualen Ausbildung ausgetüftelt, dass unter anderem auch von den Eltern der Azubis finanziert werden müsste. „So, wie das heute schon bei vielen teilmedizinischen Berufen der Fall ist. Physiotherapeuten oder Kosmetikerinnen zahlen ja auch für ihre Lehre. Das müsste doch auch bei Maurern oder Tischlern möglich sein.“
Wolfgang Goldstein hat vor zwei Jahren eigens eine Umfrage unter Schulabgängern und ihren Eltern gestartet. „Dabei hat sich gezeigt, dass nur jeder Fünfte in der Region seinen Wunschberuf lernen kann. 57 Prozent aller Eltern wären bereit, für eine Ausbildung zu bezahlen, damit aus ihren Kindern etwas Ordentliches wird. Und 90 Prozent der Schüler sagten, sie würden sich deutlich mehr Mühe beim Lernen geben, wenn nur die Chance auf eine Lehrstelle besser wäre.“
Goldstein und seine Mitstreiter könnten also loslegen und ihren Traum verwirklichen: überbetriebliche Ausbildung mit hohem praktischen Anteilen - und mit finanzieller Unterstützung durch die Eltern. Der sächsische Wirtschaftsminister Thomas Jurk (SPD) und auch der Landtagsabgeordnete Stefan Brangs sind Anhänger des Plans. Nur umsetzen können sie ihn - noch - nicht. Wolfgang Goldstein: „Die Kammern haben es abgelehnt, unseren Azubis eine Prüfung abzunehmen. Außerdem gibt es Tarifvorschriften, die einem Lehrling in Deutschland eine Entlohnung garantieren. In Sonderprogramme des Arbeitsamtes passen wir mit unserem Profil nicht rein. Wir scheitern an den Paragrafen.“
Eine Initiative in Zittau hat es mit einem Trick geschafft, Gesetzesvorgaben zu umgehen. „Dort wurde ein Ausbildungsverein gegründet, der sich über Elternbeiträge finanziert und auch von den Kammern Zähne knirschend akzeptiert wird“ , sagt Bernd Juskowiak. „Aber wir wollen nicht auf Tricks setzen. Wir wollen die Politik dazu bringen, ganz legal neue Wege zu eröffnen.“
Die Argumente der Gegner kennt das Trio zur Genüge. Die Furcht von Handwerkern vor zu großer Konkurrenz, die Angst auch, über den Bedarf hinaus auszubilden. „Das alles hilft aber den Jungs nicht weiter, die heute eine Perspektive brauchen“ , sagt Wolfgang Goldstein. Mit Vattenfall und der örtlichen Sparkasse hat er bereits Ausbildungsvereinbarungen getroffen, verhilft besonders anstelligen Schülern mit Referenzschreiben zum Lehrvertrag. „Aber die übrigen brauchen auch ihre Chance. Sonst resignieren sie. Lernen bloß, dass man mit Hartz IV auch überleben kann und sind für die Gesellschaft verloren.“ Genau deshalb werden sich Wolfgang Goldstein, Bernd Juskowiak und Roswitha Rodig auch in den kommenden Monaten immer wieder zusammensetzen. Akten wälzen, Briefe schreiben und für ihre Idee werben. „Damit unser Traum kein Traum bleibt.“