Morgens, kurz nach zehn Uhr im Carl-Thiem-Klinikum. Auf dem Behandlungstisch im Katheterlabor wird ein Patient vorbereitet. „Der Chefarzt wird den Eingriff übernehmen“ , sagt die Schwester - der Patient erschrickt. „Steht's so schlimm um mich„“ Nein, nein, alles sei Routine, will ihn die Schwester beruhigen, da überfällt den Kranken eine neue Sorge. „Kann der das überhaupt“ Als Chef macht der sich doch sicher nicht mehr die Finger schmutzig.“

Immer neue Technik
Macht „der Chef“ doch. Er legt sich die kiloschwere Bleischürze um, zieht den grünen OP-Kittel darüber, redet dem Patienten beruhigend zu. Ein so genannter „Stent“ , ein schmales Metallgitter, dass dem Mann vor einiger Zeit in ein Herzgefäß gesetzt worden war, ist durch Gewebe verengt, soll nun geweitet werden.
Eine kleine örtliche Betäubung in der Leiste, Krülls-Münch schiebt von dort aus einen Führungsdraht in die Arterie, bringt den Draht dann langsam bis vor zum Herzen. Das Ende des Drahtes ist röntgendicht, der Kardiologe kann so auf dem Monitor genau verfolgen, welchen Weg er nimmt.
Durch eine Glasscheibe vom OP-Raum getrennt, sitzt Schwester Carola. Fünf Monitore auf ihrem Tisch: Carola überwacht das EKG, jeden Handgriff des Kardiologen, protokolliert Medikamentengaben, liest dem Arzt immer wieder Details der Befunde vor.
„Da ist noch eine enge Stelle“ , ruft Krülls-Münch ihr zu, ändert seine Strategie. Nicht der alte Stent soll jetzt geweitet werden, die nur noch zu 30 Prozent durchlässige Ader ist wichtiger. Mehrere Versuche braucht es, bis er den Führungsdraht exakt in das verengte Gefäß einführen kann, der millimeterdünne Stent wird mithilfe eines Ballons in der Ader platziert. „Ganz ruhig bleiben“ , sagt er zu seinem Patienten, der plötzlich über Atemnot und Schmerzen klagt. Das EKG schlägt aus - seltsamerweise zur Freude von Schwester Carola. „In dem Moment, in dem der Patient seine typischen Beschwerden bekommt, wissen wir, dass wir genau an der richtigen Stelle gearbeitet haben.“
Krülls-Münch ist noch nicht zufrieden. „Den alten Stent weiten wir jetzt auch noch.“ Später wird er erklären, dass er dem Patienten so einen weiteren Eingriff ersparen will, jetzt allerdings konzentriert er sich wortlos auf seine Hände. Führt einen neuen Ballon in die Arterie ein. „Mit Kochsalz und einem Anti-Gerinnungsmittel gefüllt“ , erklärt Schwester Carola. „Manchmal ist die Plaque in den Adern so spitz und scharfkantig, dass der Ballon platzt. Wäre er mit Luft gefüllt, hätten wir dann große Schwierigkeiten.“
Diesmal jedoch geht alles glatt. Krülls-Münch führt den Ballon in den alten Stent - bei einem pochenden Herzen etwa so schwierig, als wenn man versucht, einen Faden durch ein Nadelöhr zu führen, dass sich pausenlos bewegt. „24 Sekunden mit zehn Atü“ ruft der Arzt der Schwester zu - der zugewucherte Stent lässt das Blut nun wieder ungehindert passieren.

Erfolge machen Freude
„Gibt zwar schon moderne Versionen dieser Stents, die mit Medikamenten beschichtet sind und das Zuwachsen verhindern“ , sagt Schwester Carola zu einer anwesenden Schwesternschülerin, „aber die sind nur für bestimmte Patientengruppen geeignet.“
Der Chefarzt ist noch beim Patienten, da strahlt eine Neurologin zur Tür hinein: „Der Mann von heute früh ist schon wieder weg vom Beatmungsgerät.“ Freude auf allen Gesichtern - hinter dem „Mann von heute früh“ verbirgt sich ein komplizierter Fall. Der Mann war morgens um vier Uhr in die Notaufnahme gekommen, ins Koma gefallen - Verschluss eines Kopfgefäßes. „Was man am Herzen machen kann, funktioniert auch am Kopf“ , sagt Krülls-Münch. Die verstopfte Ader wurde wieder durchlässig gemacht, der eben noch komatöse Patient ist wieder bei Bewusstsein, kann selbstständig atmen und kommunizieren.
11.45 Uhr, auch der Herzpatient ist erlöst. Das kleine Loch in der Arterie wird vernäht, in zwei Tagen wird der Mann das Krankenhaus verlassen können. Krülls-Münch nimmt sich die schwere Schürze ab, geht zu den Schwestern. „Super, Chef“ , sagen die. „Zwei Gefäße in 37 Minuten, das ist Rekord.“ Ihr Chef wird verlegen. „Quatsch“ , sagt er, „die anderen können das auch, ich hab eben einfach nur die meiste Erfahrung.“
Sechs Jahre Innere Medizin im Krankenhaus müssen seine Kollegen hinter sich gebracht haben, bevor Krülls-Münch sie ausbildet. „Anfangs führe ich ihnen die Hände. Aber wenn sie dann zum ersten Mal allein verantwortlich am Tisch stehen, zittern auch den Geschicktesten die Hände.“ Es sei diese Mischung aus Adrenalinschub, manueller Her-ausforderung und dem direkten Erfolgserlebnis, die „hochgradig süchtig macht“ , sagt der Kardiologe.
Er selbst hatte zunächst Geschichte und Soziologie studiert, dann im Zivildienst als Hilfspfleger gearbeitet. Die Möglichkeit, unmittelbar und ganz praktisch zu helfen, habe ihn an die Medizin gebunden. „Theorie ist schön, Praxis ist besser.“
Doch ganz ohne „Theorie“ , zumindest ohne Schreibkram kommt auch ein Mediziner nicht aus. Den gerade eben abgeschlossenen Eingriff muss er jetzt dokumentieren ( „das dauert noch mal 37 Minuten)“ .

Viele Stunden am Schreibtisch
Dann wartet der Schreibtisch - 97 Patienten auf vier Stationen und drei Katheterlabore produzieren Aktenberge. Vorträge, Einladungen zu Kongressen, Auswertungen aktueller Studien: Manchmal sitzt der Arzt ganze Tage hinter dem Schreibtisch. „Aber dann werd ich unruhig. Mache kleine Überraschungsbesuche auf den Stationen - sehr zur Freude der Kollegen. . .“
Auch seine regelmäßigen ambulanten Sprechstunden helfen, den Bezug zur Praxis nicht zu verlieren. Auf Endlos-Gespräche lässt sich der 52-Jährige in der Klinik allerdings nur ungern ein. „Wenn irgendmöglich, will ich abends pünktlich hier raus sein.“ Dann schwingt er sich aufs Fahrrad, radelt nach Hause und kümmert sich um seine große Familie, ein gutes Essen und ein Gläschen Wein - Streicheleinheiten für das Herz eines Chefarztes.