Ein weißer Wagen schwebt durch den Raum. Ein Stockwerk höher hatte er eben "Hochzeit" - die Vereinigung von Karosse und Motor. Jetzt passiert das, worauf zwei Dutzend Fotografen warten. Das Innenleben wird eingebaut. Männer in weißen Kitteln ziehen die letzten Schrauben. Dann ist er fertig, der offiziell erste e-Golf läuft in Dresden vom Band.

Im Lichttunnel, einer besonders schicken Werkstraße, bekommt das Fahrzeug Status "Zählpunkt 8" verpasst, das ist der Lebenshauch. Für das Modell, mit dem Volkswagen groß ins Elektro-Zeitalter aufbrechen will. Und für die Gläserne Manufaktur in Dresden, wo sich endlich wieder Räder drehen.

Monate lang staubte die Edel-Fabrik ungenutzt vor sich hin. Jetzt hat der Konzern die Produktionshallen für 20 Millionen Euro ertüchtigt und fit gemacht für den Golf. Die Niederlassung in Dresden soll ein "Zentrum für Future Mobility" werden, versprach im November beim Preview Frank Welsch, VW-Vorstand für Entwicklung.

Dazu gehört auch eine Tankstelle vor der Tür, die künftig zur "attraktivsten von ganz Dresden" werden soll, wie Niederlassungssprecher Carsten Krebs betont. Die Tankstelle bietet Elektrostrom aus drei Zapfhähnen: einen für europäische Elektro-Marken, einen für japanische Modelle und einen für das langsame, nachhaltige Aufladen. Das aber immer noch schneller geht als an den anderen Tankstellen, die in der Stadt entstehen. Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) will 200 Zapfsäulen in der Stadt installieren. Die werden zum Teil in Laternenmasten eingebaut. Zudem will die Stadt ihre Fahrzeugflotte Stück für Stück auf Elektro umstellen.

Der e-Golf, der um die 36 000 Euro kosten wird, kommt mit drei Kabeln im Kofferraum. Wer sich in der eigenen Garage eine Ladestation einbaut, kann dort abends einstöpseln und morgens losfahren. Kostenpunkt, je nach Batterie und Strompreis, um die neun Euro, eine Ladung reicht zurzeit für 300 Kilometer. Was die Stromtankstelle vor der Manufaktur so attraktiv macht: Fahrer aller Marken tanken hier für ein Jahr kostenlos. Der Strom, den Solarpaneele auf dem Firmengelände produzieren, ist "100 Prozent Natur", sagt Krebs.

Der e-Golf hat eine Geschichte mit vielen Anfängen. Dresden wird nicht der wichtigste Produktionsort für den Volkswagen mit Elektromotor. Die Hauptlast stemmt das Stammwerk in Wolfsburg. Der e-Golf soll Speerspitze einer Elektro-Linie von VW werden. Mittelfristig sollen an beiden Produktionsstandorten auch die elektrifizierten Modelle "e-up", "Golf GTE" und "Passat GTE" vom Band laufen.

Der Golf, das erfolgreichste Modell der Unternehmensgeschichte, hat sich seit 1974 weltweit 30 Millionen Mal verkauft. Sieben Serien wurden aufgelegt, zuletzt der Golf VII ab 2012. Der Dauerbrenner Golf soll in Dresden das gescheiterte Oberklasse-Modell Phaeton ersetzen. 15 Jahre lang lief der Phaeton in der eigens gebauten Manufaktur vom Band, zuletzt nur waren es nur noch wenige Tausend im Jahr. Im März 2016 wurde das Projekt still und leise beerdigt. Danach wurde die Manufaktur 2015 zum reinen Besucherzentrum degradiert.

Das Oberklasse-Feeling sollen nun die Golf-Kunden genießen. Der Autobau soll hier zum "kommunikativen Ereignis" werden. Wer will, kann seinen Wagen in den lichtdurchfluteten Hallen entstehen sehen und sogar selbst Schrauben eindrehen. Hier läuft das Auto über ein hölzernes Förderband. Alles ein bisschen zu schön und zu sauber, um wahr zu sein.

Im November, einen Tag nach der Vorstellung des e-Golf, verkündete der der vom Abgas-Skandal geschüttelte Autobauer ein Entlassungsprogramm für die nächsten Jahre. Weltweit sollen 30 000 Jobs wegfallen. In Dresden hoffen sie nun auf ein Stück mehr Sicherheit. Mit dem Aus des Phaetons wurden vor einem Jahr 400 Mitarbeiter ins VW-Werk nach Zwickau versetzt. Sie sollen nun nach und nach zurückkommen. Mit dem neuen Lebenshauch für die Manufaktur gab es gestern zudem einen neuen Standortleiter. Mit dem 43-jährigen Lars Dittert übernimmt ein Ingenieur, der Erfahrungen mitbringt von Audi in Neckarsulm und Skoda in Mlada Boleslaw.

Die VW-Standorte in Dresden, Zwickau und Chemnitz sind wichtige Landmarken im Autoland Sachsen. Die Staatsregierung wird dem e-Golf erst Ende des Monats die Ehre erweisen. Die Staatskanzlei hatte ausdrücklich einen extra-Termin gewünscht.