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Diese Offenheit geht einher mit einer völlig neuen Politik gegenüber der Presse. Journalisten begleiten inzwischen seit Wochen amerikanische Soldaten in Kuwait, beschreiben nicht nur die Stimmung der Truppe, sondern berichten auch ausführlich über das Waffenarsenal und die voraussichtlichen Ziele beim Einmarsch in das arabische Land. Und eine Botschaft ist eindeutig: Dieser erste große Krieg des 21. Jahrhunderts soll anders geführt werden als alle Kriege zuvor. Er soll mit einem nie dagewesenen Einsatz von Präzisionswaffen beginnen und anschließend schnell zu Ende geführt werden. Er soll sich auch grundlegend vom ersten Golfkrieg unterscheiden, in dem die Bodentruppen erst nach wochenlangen Bombardements in den Irak und das besetzte Kuwait eindrangen, dann aber sehr schnell die demoralisierten Armeeeinheiten zerschlugen. Damals war die geplante Einkesselung der irakischen Eliteeinheiten gescheitert, die über den Euphrat entkommen konnten. Diese Einheiten setzte Hussein dann zur Bekämpfung der Aufstände im Süden und Norden seines Landes ein.

Veraltete sowjetische Technik
Die Ziele der Militärs sind diesmal umfassender und sie glauben auch, diese mit wesentlich weniger Soldaten und in kürzerer Zeit erreichen zu können. Grund für diese Annahme sind auch die Erfahrungen aus dem ersten Golfkrieg, bei dem sich zeigte, dass die veraltete sowjetische Ausrüstung den irakischen Truppen keine Chance zur Gegenwehr ließ. In der Zwischenzeit hat die amerikanische Armee ihre Waffen zudem beträchtlich weiterentwickelt und die Mobilität ihrer Verbände erheblich gesteigert.
Der Krieg wird mit dem massiven Einsatz der Luftwaffe beginnen. Etwa 3000 punktgenau gesteuerte Sprengsätze sollen die Kommunikationsstruktur des Iraks, Teile seiner Energieversorgung und seine Kommandozentren lahm legen. Ziele werden daneben die Luftverteidigungsstellungen sowie erkannte Truppenkonzentrationen sein. Da das Land diesmal vollständig besetzt werden soll, will man die Verkehrsinfrastruktur weitgehend unzerstört lassen. Es ist in amerikanischen Medien viel darüber spekuliert worden, wie genau tatsächlich die ausgewählten Ziele getroffen werden können und inwieweit dabei nicht wieder eine Vielzahl von Zivilisten getötet und verwundet wird. Die Militärs haben zugegeben, dass es hunderte von zivilen Opfern geben könnte und unabhängige Experten gehen davon aus, dass tausende von wehrlosen Kindern, Frauen und Männern sterben könnten – entweder, weil die Ziele nicht sorgf&a uml;ltig genug ausgewählt wurden oder weil die Waffen nicht so funktionieren, wie sie sollten. Welche psychologischen Folgen ein derartiger Luftangriff haben wird, kann nicht eingeschätzt werden. Er soll ja auch die Moral der irakischen Einheiten treffen – wird in der Millionenstadt Bagdad aber auch hunderttausende von Kindern traumatisieren.

Viele Kommandoeinsätze
Begleitet werden diese Luftangriffe von Einsätzen der Spezialkommandos, die beispielsweise dort angreifen sollen, wo die Lagerstätten für chemische und biologische Waffen des Irak oder Abschussrampen von Raketen vermutet werden. Solche Kommandos sollen auch Verkehrsknotenpunkte sichern und damit den vorstoßenden Bodentruppen den Angriff erleichtern. Auch größere Einheiten werden mit Hubschraubern in den Irak eindringen. Ob diese Soldaten, die nicht über schwere, gepanzerte Waffen verfügen, tatsächlich ihre Aufgabe erfüllen, ist eine der offenen Fragen. Im ersten Golfkrieg scheiterte eine Vielzahl von solchen Kommandoeinsätzen, weil sie sehr bald zu einer blutigen Konfrontation mit der Bevölkerung führten, die sich nicht etwa befreit fühlte, sondern mit allen verfügbaren Waffen auf die entdeckten Eindringlinge schoss.
Alle Beobachter gehen davon aus, dass es auch diesmal nicht zu einer offenen Konfrontation zwischen der irakischen Armee und den Panzerverbänden der Alliierten kommen wird. Im letzten Golfkrieg haben irakische Einheiten entweder sofort kapituliert oder wurden erbarmungslos zusammengeschossen. Dabei starben tausende irakischer Familienväter, weil sie sich einfach nicht schnell genug ergaben oder von ihren Offizieren daran gehindert wurden. Verluste auf Seiten der Amerikaner, Briten und der damals noch beteiligten Franzosen und Ägypter gab es fast ausschließlich durch irrtümlichen Beschuss aus den eigenen Reihen. Die Amerikaner haben inzwischen Millionen von Flugblättern über dem Irak abgeworfen, in denen sie Verhaltensmaßregeln für die feindlichen Soldaten vorschreiben. Da wieder damit gerechnet wird, dass Hunderttausende sehr schnell kapitulieren, für ihre Gefangennahme und Bewachung aber nicht genügend Soldat en bereitstehen, gibt es Pläne, die Männer nach ihrer Entwaffnung in ihre Unterkünfte zurückzuschicken.
Das große Rätsel für die amerikanischen Strategen ist die Einnahme von Bagdad. Auch dafür wurden Pläne entwickelt, die den Einsatz von hochmobilen Gruppen vorsehen. Aber jeder weiß, dass eine solche Millionenstadt nur dann ohne großes Blutvergießen erobert werden kann, wenn ihre Verteidiger sehr schnell aufgeben. Inwieweit dabei die Amerikaner mit ihrer Vorstellung, ein Land von einem gehassten Diktator zu befreien, einem Trugschluss aufsitzen könnten, ist derzeit nicht zu beantworten. Sicher werden die meisten Iraker nicht bereit sein, für die Herrschaft von Saddam Hussein ihr Leben zu riskieren. Aber schon der Widerstand einiger tausender loyaler Anhänger des Herrschers wird für unzählige Zivilisten, die zwischen die Fronten geraten, zum Albtraum werden.
Die USA zeigen eine überraschende, bislang unbekannte Gewissheit, dass sie all dieser Probleme Herr werden. Sie glauben auch, sehr schnell die Versorgung der Bevölkerung und die Aufrechterhaltung der Ordnung in den besetzten Teilen des Landes garantieren zu können. Dies stellt eine völlige Abkehr von ihrem früheren militärischen Vorgehen dar, das immer auf eine vergleichsweise sehr viel größere Zahl von eingesetzten Truppen und auf große Umsicht beim Vorrücken in einem fremden Land setzte. Aber dies entspricht den Vorstellungen des jetzigen Verteidigungsministers Donald Rumsfeld, der die Armee kritisierte, weil sie seiner Meinung nach zu wenig wagemutig sei und nicht auf ihre große technologische Überlegenheit vertraue.

Blutiger Häuserkampf?
Dieser Krieg wird sicher anders beginnen als jeder andere zuvor und er wird auch in weiten Teilen anders geführt werden als frühere Kriege. Die Schreckensszenarien, die hier zu Lande manchmal zu hören sind, werden nicht eintreffen. Es wird keine Flächenbombardements geben, wie sie noch den Zweiten Weltkrieg bestimmten. Und es wird auch keine lang anhaltenden Kämpfe geben. Dazu ist die Kampfkraft der alliierten Einheiten einfach zu groß. Aber er könnte in einen blutigen, für die Bevölkerung schrecklichen Häuserkampf münden, der sehr viele Zivilopfer fordern würde. Und selbst im besten Falle wird die moderne Wundertechnik nicht verhindern, dass Tausende von Menschen sterben, die bislang die Hungerherrschaft des Saddam Hussein überlebten.
Die militärischen Führer wissen und fürchten dies – vielleicht sogar mehr als die politischen Führer im Weißen Haus. Und sie wissen auch, dass sie mit ihrer Strategie der Offenheit gegenüber den Medien ein hohes Risiko eingehen.