Aber Bundespräsident Horst Köhler ist tatsächlich noch nicht in dem Amt angekommen, in das er gewählt wurde. Einige der Gründe dafür liefert die erste umfassende Biografie Köhlers. Es wäre eine hervorragende Grundlage nicht nur für die notwendige Debatte um die Wiederwahl Köhlers, sondern darüber hinaus auch um den Zustand der deutschen Politik. Aber weil dem so ist, wird auch nichts unversucht gelassen, um auch dieses hervorragende Buch schnell wieder an den Rand zu rücken, an dem auch der Beschriebene selbst steht.
Gerd Langguth, der Biograf, einst selbst Staatssekretär und Bundestagsabgeordneter der CDU, heute Politik-Professor, erklärt das absehbare Scheitern Köhlers vor allem damit, dass Köhler "der erste Präsident, der dazu gemacht wurde" sei. Und - auch dies erklärt Langguth sehr gut - er war der Mann für die schwarz-gelbe Machtübernahme, die dann bei der vorgezogenen Wahl 2005 grandios scheiterte.
Die Familie des jetzigen Bundespräsidenten hat mit seiner Familie die Schrecken der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts und im besonderen auch die Tragik der deutsch-polnischen Beziehungen erfahren. Die Eltern waren "Umsiedler" von Stalin und Hitler aus der Heimat der Vorfahren herausgerissen, dann "volksdeutsche" Siedler im eroberten, grausam entvölkerten Polen, bei Kriegsende auf der Flucht vor der Roten Armee, schließlich DDR-Bürger, die keine Zukunft sahen im SED-Staat und sich auf den Weg in den Westen machten. 1953, als Köhler zehn Jahre alt war, fanden sie endlich eine neue Heimat im Schwabenland. Wer, wenn nicht ein Präsident mit solch einer eigenen Geschichte hätte wohl bessere Voraussetzungen um mitzureden im Streit um die Deutung dieser leidvollen Jahre. Und doch hört man wenig, viel zu wenig von ihm darüber.
Viel später wird Köhler einer der wenigen Deutschen, die Verantwortung tragen an der Spitze internationaler Organisationen. Als früherer Chef des Internationalen Währungsfonds weiß er über das, was Globalisierung genannt wird, besser Bescheid als jeder, der in Berlin darüber redet. Er kennt die klugen Köpfe, die über die Zusammenhänge zwischen der so unterschiedlichen Entwicklung auf den Kontinenten nachdenken. Und doch hört man ihn zu selten reden darüber, was die Herausforderungen einer eng vernetzten Welt des 21. Jahrhunderts ausmachen.
Wenn ein Mann aber sich dort, wo er kraft eigenem Erleben ausgezeichnet ist, zurückhält, so offenbart dies eine Unsicherheit, die nur schwer vereinbar ist mit einem Amt, das Sicherheit und Orientierung geben soll. So liest sich aus der von Langguth aufgeschriebenen Lebensgeschichte des Horst Köhlers ein erschreckendes Bild unseres Staatsoberhauptes. Er repräsentiert demnach die Orientierungslosigkeit, die aus gutem Grunde generell beklagt wird.
Der Autor hat sich bei der Vorstellung dessen, was er da zusammengetragen hat an Nachdenkenswertem, redlich bemüht, Respekt zu bewahren, vor dem Amt wie auch vor der Person, der er viele positive Züge abgewinnt. Aber die Frage, ob da ein fleißiger, redlicher, kluger Mensch nicht völlig fehl am Platze sei, die hat er nur aus diesem Respekt heraus nicht beantwortet.
Eine Antwort finden müssen wird einmal Horst Köhler selbst und - falls er weiter machen will - die Bundesversammlung, die in zwei Jahren wieder zur Wahl gerufen sein wird. Nicht nur ihren Mitgliedern kann das neue Buch wichtige Einsichten vermitteln.