Ben Carson stand im Scheinwerferlicht einer Debattenbühne, er faltete die Hände und lächelte milde, als die Frage kam, warum er immer so ruhig wirke, als nehme er den Trubel ringsum gar nicht wahr. Nun, er sei nun mal kein aufbrausender Mensch, Schreien sei nicht sein Ding, antwortete der Neurochirurg und warf seinem Konkurrenten Donald Trump einen amüsierten Seitenblick zu. Damit hatte Carson seine Nische gefunden, die Nische des freundlichen Populisten.

Auch er ist ein Newcomer der Politik, auch seine Thesen sind oft so bizarr wie die Sprüche, die der Immobilienmagnat klopft. Doch während Trump lautstark gegen jeden lospoltert, der ihm zu widersprechen wagt, erweckt der Doktor der Medizin den Eindruck, als nähme er an einer Therapiesitzung teil.

Aus der Nische ist mittlerweile ein Spitzenplatz geworden. In den Kandidatenumfragen der Republikaner liegt Carson, 64, an erster Stelle, vor Trump, vor Marco Rubio, Ted Cruz und Jeb Bush. Am Ende könnte es auf ein Duell mit Rubio zulaufen, dem jungen Senator aus Florida, den das konservative Establishment zusehends zu favorisieren scheint, nachdem es anfangs eher auf Bush gesetzt hatte. Carson steht für den Rebellengeist einer Basis, die sich seit den ersten Tea-Party-Wellen gegen jeden auflehnt, der Politik im Hauptberuf betreibt. Ein bisschen steht er auch für den Versuch der "Grand Old Party", endlich wieder bei einer Wählerschaft zu punkten, die sie praktisch abgeschrieben hatte.

Als der Republikaner Abraham Lincoln die Sklaverei beendete, schien das schwarze Amerika der Partei Lincolns bis in alle Ewigkeit verpflichtet. Das änderte sich spätestens in dem Moment, in dem die Demokraten die Bürgerrechtsgesetze der 1960er Jahre durchsetzten und weiße Südstaatler millionenfach zu den Republikanern überliefen. Nun also Carson, der seine Slogans auch zu Hip-Hop-Rhythmen verkündet. Als Afroamerikaner imprägniert er die Konservativen gegen den Vorwurf, rassistische Hintergedanken zu hegen, wenn sie gegen Barack Obama wettern. Schließlich gehört er selber zu denen, die den Präsidenten am schärfsten kritisieren.

Angefangen hat es 2013 mit einer Rede beim National Prayer Breakfast, einem politisch-religiösen Forum in Washington. Carson sprach von moralischem Verfall und fiskalischer Verantwortungslosigkeit. Die Kombination, orakelte er, könnte die USA ebenso zu Fall bringen wie einst das antike Rom. Obama hörte mit versteinerter Miene zu. Bei YouTube millionenfach angeklickt, wurde der Mitschnitt des Auftritts in Tea-Party-Kreisen ein Hit.

Seitdem ist Carson ein Held der zornigen Rebellen, und was er neulich über Abtreibungen sagte, ließ ihn zum Helden evangelikaler Christen werden. Frauen, die eine Schwangerschaft abbrechen, verglich er mit Sklavenhaltern: Auch die hätten geglaubt, mit menschlichem Leben verfahren zu können, wie immer sie es für richtig hielten. Die obligatorische Krankenversicherung, eingeführt mit Obamas Gesundheitsreform, charakterisiert er als eine so rigorose Form staatlicher Kontrolle über den Einzelnen, dass sie an Nazideutschland denken lasse. Carson, schreibt der afroamerikanische Kolumnist Jelani Cobb, liefere den besten Beweis dafür, dass sich paranoides Denken nicht auf weiße Amerikaner beschränke. Seine Popularität indes erkläre sich nicht aus Parolen, sondern aus seiner Lebensgeschichte.

Carsons Mutter Sonya, nach drei Klassen von der Schule abgegangen, schlug sich als Putzfrau durch. Mit 13 hatte sie geheiratet und nach ein paar Jahren entdeckt, dass ihr Mann parallel in zwei Familien lebte. Nachdem sie ausgezogen war, wuchsen ihre zwei Söhne in einer Slumwohnung auf, in der es nur so wimmelte von Ratten und Kakerlaken. Obwohl Sonya praktisch Analphabetin war, achtete sie streng darauf, dass die beiden jede Woche zwei - aus einer Bibliothek ausgeliehene - Bücher lasen. Sie ließ sie Aufsätze darüber schreiben und gab vor, sie zu begutachten, indem sie Häkchen setzte. "Dass sie nicht lesen konnte, wussten wir nicht", sagt Carson.

Dann ist da noch die Geschichte einer Läuterung, wie die christliche Rechte sie liebt, vergleichbar mit der Wandlung George W. Bushs, der dem Alkohol abschwor und sich der Religion zuwandte. Sie beginnt damit, dass der Neuntklässler Carson einem Mitschüler, der ihn gehänselt hatte, ein Messer in den Bauch zu rammen versucht. Zum Glück trifft die Klinge nur die Gürtelschnalle des Jungen und bricht. Der reuige Angreifer rennt nach Hause, schließt sich auf der Toilette ein und betet, dass Gott ihm seinen Jähzorn nehmen möge. So jedenfalls erzählt es Carson, manche Skeptiker meinen, so schmückt er es aus. Danach sei er ein anderer Mensch gewesen, schreibt Carson in seinem Memoirenband.

Er studiert, im Alter von 33 Jahren übernimmt er die Kinder-Neurochirurgie der Johns-Hopkins-Klinik in Baltimore, in den Annalen des berühmten Krankenhauses der Jüngste auf diesem Posten. 1987 leitet er ein Chirurgenteam, das zum ersten Mal an den Köpfen zusammengewachsene Siamesische Zwillinge trennt. Es klingt wie aus einem Lehrbuch für Individualisten, wenn Carson den Leitsatz seiner Mutter zitiert: "Hast du keinen Erfolg, bist ganz allein du daran schuld".