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| 02:44 Uhr

Der freundliche Präsident

Professor László Ungvári ist seit fast 15 Jahren Präsident der TH Wildau. Diese hat sich in dieser Zeit zu einem Mekka für den akademischen, technischen Nachwuchs entwickelt.
Professor László Ungvári ist seit fast 15 Jahren Präsident der TH Wildau. Diese hat sich in dieser Zeit zu einem Mekka für den akademischen, technischen Nachwuchs entwickelt. FOTO: Jan Siegel
Wildau. Viele deutsche Hochschulen klagen massiv über Unterfinanzierungen und müssen kräftig Stellen abbauen. Ganz anders an der Technischen Hochschule Wildau. Die Fachhochschule holt sich beachtliche Summen aus der Wirtschaft und ist auf Wachstumskurs. Der Vater des Erfolges heißt László Ungvári. Jan Siegel

Es hat den Anschein, als würden der deutschen Wirtschaft die Fachkräfte ausgehen. Glaubt man den vielen medialen Hilferufen, fehlen vor allem die Akademiker in den technischen Berufen. Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hat in einer Studie herausgefunden, dass es vor allem in den sogenannten MINT-Berufen, die Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik umfassen, besonders große Engpässe bei den Hochschulabsolventen gibt. So kamen laut IW im Jahr 2013 auf 100 Stellenangebote für Elektrotechniker lediglich 55 Arbeitslose, bei Luft- und Raumfahrttechnikern waren es 57 und bei den Informatikern 61 Arbeitslose.

Diese Situationsbeschreibung kennt Professor László Ungvári nur zu genau. Der Mann, der vor 59 Jahren in Cegléd, 70 Kilometer südöstlich der ungarischen Hauptstadt Budapest geboren wurde, ist inzwischen seit fast 15 Jahren Präsident der TH Wildau. Studiert hat er in den 1970er-Jahren im damaligen Leningrad, wo er seine Frau kennenlernte, die aus der DDR kam. 1980 siedelte er nach Ostdeutschland über und begann an der Hochschule für Ökonomie in Berlin mathematische Statistik und Wahrscheinlichkeitstheorie zu unterrichten.

Mit Mathebüchern Deutsch gelernt

"Ich konnte damals nur sehr wenig Deutsch" erzählt László Ungvári. Weil er sich die Sprache innerhalb weniger Wochen richtig aneignen musste, um Seminare und Vorlesungen halten zu können, kam er auf eine kuriose Idee. "Ich habe mit Geschichts- und Mathematikbüchern Deutsch gelernt. Das waren die beiden Fachgebiete, auf denen ich mich am besten auskannte. Immer wenn ich beim Lesen ein Wort nicht kannte, habe ich es aufgeschrieben mit allen seinen grammatischen Formen, um es so zu lernen" erinnert sich der Professor ein bisschen amüsiert.

László Ungvári ist stolz auf das, was er gemeinsam mit seinem Team in den vergangenen Jahren aufgebaut hat. Und dabei legt er besonderen Wert auf das "Wirgefühl" an seiner Schule. Ungvári ist unbestritten ein Mannschaftsspieler, der will, dass sich Lehrende und Lernende wohlfühlen an der Schule. Deshalb setzt er auf Familienfreundlichkeit. Es gibt eine kleine Kita und ein Familienzimmer für junge Eltern mit ihrem Nachwuchs. Der Präsident will den großen "Massen"-Universitäten in seiner "Nachbarschaft" in Berlin, Cottbus und Dresden ein eigenes Modell entgegensetzen. Dabei geht es ihm um Individualität und optimale Rahmenbedingungen für das Studium.

Die einstige Fachschule für Maschinenbau hat sich in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten derweil zu einem Mekka für den akademischen, technischen Nachwuchs entwickelt. Der Studiengang Logistik beispielsweise belegte in Hochschulvergleichen mehrfach den Spitzenplatz beim Studiengang "Wirtschaftsingenieur" in Deutschland.

Auf die Fahne geschrieben hatte sich Ungvári, selbst promovierter Wirtschaftsinformatiker, von Anfang an, seine Hochschule mit der regionalen Wirtschaft am südlichen Stadtrand von Berlin möglichst eng zu verzahnen. Die TH Wildau ist daher eine inzwischen stark praxisorientierte und forschende Hochschule geworden. "Die Vorteile für beide Seiten liegen auf der Hand", sagt der freundliche Professor, dessen Mundwinkel fast immer ein verschmitztes Lächeln umspielt. So könne die Hochschule besonders den Logistik- sowie Luft- und Raumfahrtfirmen in der Region wirkungsvoll helfen. Gleichzeit hätten auf diese Weise viele Studierende von Anfang an direkten Kontakt zu Hochtechnologiefirmen. Das könne ihnen bei der Suche nach Praktika und einem späteren Arbeitsplatz enorm helfen, ist der Präsident überzeugt.

Immer wieder Spitzenplätze

Und auch für die Hochschule zahlt sich die enge Zusammenarbeit mit der Wirtschaft aus. In bundesweiten Rankings maschinenbauorientierter Studiengänge hat die TH Wildau in den zurückliegenden Jahren immer wieder Spitzenwerte bei den eingeworbenen Forschungsgeldern je Professor erreicht. Mit mehr als 75 000 Euro je Professor und Jahr belegen die Wildauer unter den deutschen Fachhochschulen mehrfach Platz eins.

Jetzt will der Wildauer Präsident erreichen, dass seine Schule als erste Fachhochschule in Deutschland eine sogenannte "System-Akkreditierung" erhält. Das bedeutet, dass neue, innovative Studiengänge von der Hochschule künftig selbst eingeführt werden können. Voraussetzung dafür aber ist, dass die Qualität von Lehre, Forschung und Verwaltung zuvor vom brandenburgischen Wissenschaftsministerium in Potsdam als Ganzes intensiv geprüft und zertifiziert worden ist.

Zum Thema:
Die TH Wildau ist die größte Fachhochschule des Landes Brandenburg und hat aktuell mehr als 4200 Studenten. Sie studieren in 23 Direktstudiengängen und sieben weiteren berufsbegleitenden Studiengängen. Die Wildauer kooperieren mit 117 ausländischen Partnereinrichtungen in 56 Ländern. Die TH Wildau setzt als forschende Hochschule vor allem auf angewandte Forschung. Pro Jahr wirbt die Hochschule mehr als sieben Millionen Euro an Drittmitteln für die Forschung ein. Die Wildauer Bildungseinrichtung wurde bereits als "familienfreundliche" und "servicefreundliche" Hochschule zertifiziert. Außerdem war sie die erste Hochschule Deutschlands, deren komplette Management-Prozesse in Lehre, Forschung und Verwaltung qualitativ zertifiziert worden sind.