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| 11:39 Uhr

Der forsche Friedman im Büßergewand

Der forsche TV-Moderator im Büßergewand – so ungewohnt präsentiert sich Michel Friedman bei seinem ersten öffentlichen Auftritt nach Erhalt eines Strafbefehls wegen Kokainbesitzes in Frankfurt am Main. Im Gedränge einer Anwaltskanzlei im 20. Stock eines Hochhauses gibt er eine Erklärung ab, die von vielen Zuhörern als pathetisch empfunden wird: Bekenntnis, Buße, Entschuldigung, Dank an Freunde und die Hoffnung auf Vergebung. Von Ingo Senft-Werner <br> und Jutta Schütz

Fragen ließ der für harte Nachfragen bekannte Moderator gestern nicht zu. Nach wenigen Minuten ist der Auftritt vorbei. Während des Ermittlungsverfahrens war Friedman abgetaucht.
Zur Einstimmung sagt Kanzlei-Chef Karl Herold: "Für Dr. Friedman ist das jetzt ein neuer Anfang, und ich wünsche ihm alles Gute." Was darunter zu verstehen ist, wird kurz darauf klar, als Friedman seinen Rücktritt vom Amt des Vizepräsidenten des Zentralrates der Juden in Deutschland und allen öffentlichen Ämtern ankündigt. Über sein weiteres Engagement im Fernsehen schwieg sich der 47-Jährige zunächst aus. Zumindest seine Talkshow in der ARD wird Friedman allerdings nicht mehr moderieren, das wurde danach bekannt. Über die Fortsetzung seiner Show im Hessen-Fernsehen soll im Herbst entschieden werden.
Friedman lässt trotzdem keinen Zweifel daran, dass er einen Fehler gemacht hat. Seinen Kokainkonsum nennt er allerdings nicht beim Namen, sondern belässt es bei einer Andeutung: "Drogen in einer Lebenskrise - auch in meiner Lebenskrise - sind keine Hilfe", sagt er und wird danach pädagogisch: "Sie täuschen und sind gefährlich, das sage ich vor allem den jungen Menschen."
Verständnis zeigt Friedman für die Presse, die wie eine Mauer vor ihm steht. "Ich habe in meiner politischen und journalistischen Tätigkeit Menschen hart befragt, auch nach ihren politischen Fehlern." Nun müsse er diesen Maßstab auch an sich anlegen lassen: "Auch wenn es privat ist."
In Berlin verteidigte unterdessen die Staatsanwaltschaft erneut ihr Vorgehen in dem spektakulären Fall, der fast vier Wochen ganz Deutschland beschäftigt hatte. Justizsprecher Björn Retzlaff sprach von der gesetzlichen Pflicht, einem Verdacht nachzugehen sowie die Öffentlichkeit zu unterrichten. Den Vorwurf einer öffentlichen Hinrichtung von Friedman-Anwalt Eckart Hild wies er zurück.

Informationssperre kam spät
Erleichterung hatte bei den Berlinern schon vor einigen Tagen geherrscht, als interne Ermittlungsergebnisse der Staatsanwälte nicht durch ein Leck in ihrer Behörde, sondern durch eine Panne im Büro des Friedman-Anwalts bekannt geworden waren. Andererseits: Erst nachdem immer neue Einzelheiten über Friedmans angebliche Verstrickungen ins Rotlicht-Milieu durch die Medien geisterten, hatte die Berliner Justiz die Notbremse gezogen und eine Informationssperre verhängt. Die Ermittlungen zu einem polnisch-ukrainischen Menschenhändlerring, aus denen der Verdacht gegen Friedman entstanden war, reichten vorübergehend sogar bis in den Bundestag.

Öffentliche Liebeserklärung
Mit dem Strafbefehl dürfte Friedman, der nun vorbestraft ist, noch die bessere Variante akzeptiert haben. Er muss sich damit keinem öffentlichen Prozess mit möglichen peinlichen Zeugenbefragungen von Prostituierten stellen. Auch könnte es nach Justizangaben in einem Prozess durchaus zu einem höheren Urteil als im Strafbefehl kommen. Die Staatsanwaltschaft weist dabei von sich, dass es sich um einen Deal handeln könnte.
Einen unerwarteten Einblick in sein Privatleben gab Friedman schließlich doch: Mit seiner öffentlichen Entschuldigung bei seiner Lebensgefährtin Bärbel Schäfer, "die Frau, die ich von tiefem Herzen liebe, und mit der ich meine Zukunft gestalten will".
Er appelliert an alle, seine Privatsphäre wenigstens eine Zeit lang zu achten. Und er bittet wieder um Ver-ständnis. "Ich bitte Sie genauso von vollem Herzen, nicht zu vergessen, dass das nicht mein ganzes Leben war, dass das nicht der ganze Michel Friedman ist."