Der Mann hinter dem Tresen des "Ali Baba"-Döner im Cottbuser Norden hat die Folgen des Militärputsches in der Türkei 1980 als Kind miterlebt. Und das mitten in der Hauptstadt Kurdistans, in Erbil. "Das war wie im Krieg", erinnert sich Selahattin Kilic. "Ich bin nur froh, dass es den Türken diesmal erspart geblieben ist, wieder jahrelang völlig gesetzlos und in ständiger Angst leben zu müssen."

Was für einen Kurden nicht unbedingt selbstverständlich ist: Selahattin Kilic zollt dem türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan Respekt, wie er mit der Bevölkerung den Militärputsch vereitelt hat. Und auch die gut 40 000 Demonstranten am vergangenen Sonntag in Köln haben für ihn eine Berechtigung.

"Wir können aber unsere Probleme nicht mitbringen, um sie hier zu lösen. Wer sich einmischen will, der soll in die Türkei zurückgehen", spricht Kilic aus, was in seiner Umgebung am Döner-Imbiss in Cottbus und Hoyerswerda, "aber auch in meiner Familie" gedacht wird.

"Erdogan hat viel geleistet"

Selahattin Kilic ist 1994, mit nicht einmal 20 Jahren, dem Bruder nach Cottbus gefolgt und hat drei Jahre später sein Dönergeschäft aufgemacht. Heute lebt er mit seiner Familie gern in Cottbus. Und er ist zuversichtlich, dass die Verhältnisse in der Türkei bald wieder in Ordnung kommen.

Davon ist auch Hamzo Kisecok, der 22-jährige Inhaber der Shi-sha-Bar in Finsterwalde (Elbe-Elster) überzeugt. "In der letzten Zeit gab es im Land viel Stress. Aber ich denke, es wird sich wieder beruhigen", sagt der Mann, der vor drei Jahren mit seinem Onkel zunächst nach Schwarzheide kam. "Für mich steht außer Frage: "Erdogan hat viel geleistet in der Türkei."

Ein der Presse gegenüber sehr distanzierter Landsmann, dessen Familie betroffen ist von der Welle von Zehntausenden Entlassungen nach dem Militärputsch, verweist dagegen darauf: "Fragen Sie Frau Merkel. Sie weiß es besser als ich, was in der Türkei los ist." Nach seiner Auffassung hätte es die deutschen Medien nicht interessiert, "als kurdische Kinder durch Bomben starben. Jetzt, wo die deutsche Regierung Stress mit Erdogan hat, haben sie Interesse."

Es sind vorwurfsvolle Worte, die der Realität der Berichterstattung über den Kurden-Konflikt in deutschen Medien nicht gerecht werden, die sich aber mit unmittelbarer Betroffenheit erklären lassen. Denn ein Neffe des Mannes, erzählt er, sei von einer Hochschule geworfen worden, weil er eine Hilfsorganisation unterstützt habe. Der Mann zeigt sich besorgt. Mehr will er dazu aber nicht sagen. "Schreiben Sie doch, was Sie wollen", sagt er spürbar emotional berührt.

Für die türkische Regierung ist der im US-Exil lebende Prediger Fethullah Gülen verantwortlich für den Militärputsch, auch wenn dieser das bestreitet.

Die Gülen-Bewegung gilt in der Türkei als Terrororganisation, was nach dem Putschversuch zum harten Durchgreifen gegen sie führte. Einrichtungen wurden geschlossen, Tausende Menschen verhaftet, entlassen oder suspendiert.

Dieses Vorgehen Erdogans nach dem Putschversuch hält der Berliner Cemil Karra für völlig gerechtfertigt. Der Deutschtürke macht derzeit Urlaub im Spreewald in Lübbenau. Aus seiner Sicht haben sich Teile des Militärs wie Terroristen verhalten und auf unschuldige Menschen geschossen. Dagegen gehe der Staatspräsident nun zu Recht rigoros vor.

Auch die Verhaftungs- und Entlassungswelle sieht er als die richtige Konsequenz. "Alle Unterstützer des Putsches müssen die Härte der Staatsregierung zu spüren bekommen", sagt Karra.

Nicht verstehen könne er, warum Erdogan bei der Demo in Köln nicht zugeschaltet werden durfte. "Er wollte nur seine Meinung sagen." Freie Meinungsäußerung sei doch in Deutschland ein hohes Gut.

Abkommen sind einzuhalten

Etwas kritischer sieht der Türke Erdogans Versuch, die EU mit dem Bruch des Flüchtlingsabkommens zu erpressen. Versprechen, die gegeben wurden, sollten auch eingehalten werden. Das gelte für beide Parteien.

Auf eine Seite schlagen will sich der Hoyerswerdaer Dönerverkäufer nicht, der seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte. In keinem Land würde es perfekt laufen, doch der gescheiterte Militärputsch und seine Folgen würden die Gemeinschaft tief spalten. Fest steht für den seit 13 Jahren in Deutschland lebenden Türken, dass sich seit dem Aufstieg von Erdogan die türkische Wirtschaft entwickelt habe. "Es ist alles besser geworden", sagt er. Diese Ansicht teilt er mit seiner Familie, die noch in der Türkei lebt.

Kritisch sehe er die deutsche und türkische Berichterstattung im Fernsehen, die weit auseinandergehe. Ohne es begründen zu können, ist sich der Deutschtürke sicher: "Es ist falsch, Erdogan nur als Diktator hinzustellen."

Zum Thema:
Trotz der teilweisen Suspendierung der Europäischen Menschenrechtskonvention nach dem Putschversuch will die Türkei weiter eng mit dem Europarat zusammenarbeiten. Die Türkei werde diesen weiterhin "regelmäßig informieren", sagte Außenminister Mevlüt Cavusoglu nach einem Treffen mit dem Generalsekretär des Europarats, Thorbjørn Jagland, gestern in Ankara. Jagland sagte, er sei erfreut, dass die Türkei bereit sei, Hilfe von Experten des Europarats anzunehmen. Nach dem Putschversuch vom 15. Juli hatte die Türkei den Ausnahmezustand verhängt und die Menschenrechtskonvention teilweise ausgesetzt. Der Europarat hatte nach dem ersten von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan erlassenen Notfall-Dekret besorgt reagiert.