Es ist eine scheinbar normale Kleinstadtzeremonie: In einem lindgrün aufgehübschten Fachwerkhaus eröffnet eine Apotheke neu. Die Honoratioren der Stadt gratulieren der Betreiberin, der Bürgermeister sagt ein paar Worte. Doch dann fällt aus dessen Mund ein Satz, der dem Abend sofort das Alltägliche nimmt. Er hoffe, so Rathauschef Mike Ruckh, dass damit "das letzte Kapitel im Fall Joseph geschrieben" sei.
Fall Joseph - noch gut sieben Jahre nach den dicken Schlagzeilen um einen sechsjährigen Jungen, den eine Horde Rechtsradikale 1997 im Stadtbad erst attackiert, dann betäubt und ertränkt haben sollte, ist das Thema im ostsächsischen Sebnitz nicht wirklich vom Tisch.
Nur Stunden, nachdem "Bild" damit im Novem ber 2000 groß aufgemacht hatte, stand Sebnitz bundesweit am Pranger. "Rassistennest" und "Nazihochburg" hieß es schnell. Angeblich sollte eine ganze Stadt bei dem vorgeblichen Mord zugeschaut beziehungsweise geschwiegen haben. Die Mutter des toten Joseph, die Apothekerin Renate Kantelberg-Abdulla, wollte hierfür mit ihrem irakischen Mann Saad 30 Zeugen aufgetrieben haben. Zunutze kam ihr dabei, dass Sebnitz in der Tat eine starke braune Szene hat und die NPD im Stadtrat sitzt. Doch die polizeilichen Ermittlungen ergaben schnell: Ein Mord fand nie statt. Der blasse Junge mit den großen, dunklen Augen, dessen Bild um die Welt ging, war ertrunken, weil sein kleines Herz versagte. Dennoch recherchierten die Eltern, denen damals die Center-Apotheke gehörte, auf eigene Faust weiter. Sie ließen Gutachten erstellen, den Leichnam exhumieren und erneut obduzieren.

Ein Mord fand nicht statt
Zudem munkelt man von einer Pharmamafia in der Stadt, in die auch Ekkehard Schneider verwickelt wäre, der Betreiber der konkurrierenden Hirsch- Apotheke. Dessen Tochter Uta gehörte so zu den drei Hauptverdächtigen, die die Polizei zwischenzeitlich festnahm. Denn sie war, als Joseph starb, mit einem tatverdächtigen Rechtsradikalen verbandelt. Fünf Tage saß die damals 23-jährige ein. Doch die Ermittlungen ergaben, dass sie zur Unglückszeit in Braunschweig war, wo sie Pharmazie studierte. Es ist diese Uta Schneider, nun eine junge Frau mit sportlichem dunklem Kurzhaar, die jene Apotheke in der Rosenstraße 11 eröffnet. Das Geschäft nennt sich nicht mehr Central- sondern Rosen-Apotheke. Doch die Einrichtung ist praktisch dieselbe, in der schon Josephs Eltern wirkten. Sie habe den Laden gepachtet, erzählt sie. Und sie verschweigt nicht ihre anfänglichen Bauchschmerzen, als man ihr diesen letztes Jahr anbot. So habe sie zunächst kategorisch Nein gesagt. Da sei einfach die Angst gewesen, "dass all das, das schon so weit weg war, wieder hochkommt und mir den Hals zudrückt, wenn ich nur das Haus betrete". Die vergangenen Jahre hatte sie in Braunschweig, Weimar und Dresden gelebt. Die Apotheke war in jener Zeit verwaist. Die deutsch-irakische Familie, gegen die später wegen Anstiftung zur Falschaussage ermittelt wurde, kehrte 2001 in den Westen zurück. Heute führt sie im westfälischen Iserlohn eine Apotheke. Ihr Sebnitzer Fachwerkhaus, das sie einst für 1,2 Millionen Euro sanieren ließ, stand seither leer. 2006 wurde es zwangsversteigert.

Geteilte Meinungen in der Stadt
Neuer Besitzer ist ein Niederländer. Er suchte einen Pächter und unterhielt sich dazu auch mit Ekkehard Schneider von der Hirsch-Apotheke. Der wollte zwar nicht, aber Tochter Uta begann sich mit der Zeit doch dafür zu erwärmen. Nunmehr gelinge es ihr auch, gestand sie zur Eröffnung, ihr neues Geschäft reinweg "als Apotheke zu sehen, nicht mehr als das frühere Haus dieser Familie". Sie beschäftigt drei Mitarbeiter und sie erfreut sich einer regen Kundennachfrage. Viele Sebnitzer kommen offenbar sehr bewusst zu ihr. Sie wünschen Erfolg und gratulieren mit warmen Worten "zum mutigen Schritt". Es scheint, als wollten auch sie damit signalisieren, dass nun wirklich "das letzte Kapitel" im Fall Joseph geschlossen wurde. Gleichwohl macht sich auch mancher in Sebnitz seinen Reim auf diese unerwartete Wendung des tragischen Geschehens. Und es sind nicht wenige, die finden, sie hätte es lieber nicht tun sollen - "und sei es aus Anstand". Auch Saad Abdulla, zu dem die Nachricht bis Iserlohn drang, fühlt sich bestätigt. Es wäre "wie eine Hinrichtung für uns, dass die Frau, die den Tod unseres Kindes zu verantworten hat, jetzt unser Geschäft bekommt", sagte er in einem Interview. Nach wie vor gibt er sich überzeugt von einem kollektiven Komplott der Sebnitzer gegen seine Familie.
Uta Schneider, die zunächst recht offen über ihre neue berufliche Zukunft sprach, wirkt sofort beeindruckt davon. Natürlich wäre das "alles Unsinn", sagt sie verbittert. Gleichwohl hofft sie, "dass nun nicht alles von vorn beginnt". Denn schon riefen wieder jeden Tag Journalisten an. Aber dass sie nun in eben diesem Haus arbeite, um das sie zuletzt stets einen großen Bogen machte, helfe ihr auch, mit der Vergangenheit fertig zu werden.